Der Mormonismus gewinnt Christen in Rekordzahlen, besonders Evangelikale. Im Jahr 2025 verzeichnete die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (HLT) mehr Bekehrungstaufen als in irgendeinem der vorangegangenen 195 Jahre. In den USA konzentriert sich dieses Wachstum vor allem auf den sogenannten Bible Belt. Von den zehn US-Bundesstaaten mit dem stärksten HLT-Wachstum im Jahr 2022 ist nur einer – New York – nicht in der SEC vertreten. Arkansas (4,05 Prozent), Tennessee (3,55 Prozent) und Missouri (3,43 Prozent) weisen das größte Mitgliederwachstum auf.
In 40 Questions About Mormonism erläutert Kyle Beshears, Gemeindepastor der Mars Hill Church in Mobile, Alabama, viele bedeutende Irrtümer der HLT-Theologie – prägnant und mit wohlwollender Sachlichkeit. Einer der Gründe, warum der Mormonismus im Bible Belt so stark wächst, ist, dass potenzielle Konvertiten von interessanten, aber letztlich zweitrangigen Aspekten des HLT-Glaubens abgelenkt werden: Tempel, heilige Unterkleider und das Verbot von Kaffee gemäß dem Word of Wisdom. Mormonische Missionare sind gut geschult darin, sensationsgeladene Gerüchte rund um diese Themen zu entkräften. Diese Diskussionen verdecken jedoch weitaus tiefgreifendere Lehrunterschieden in Bezug auf das Evangelium, die Bedeutung des Kreuzes und das Wesen Gottes.
Christen – und besonders Pastoren – brauchen durchdachte Ressourcen, um das Evangelium an Heilige der Letzten Tage weiterzugeben. Genau das bietet Beshears: ein Werk, das in einem wohlwollenden Ton geschrieben ist, den er sich von Evangelikalen im Gespräch mit HLT-Gläubigen wünscht.
Von Anfang an wird eines deutlich: Beshears liebt die Heiligen der Letzten Tage. Statt eine kämpferische Apologetik zu betreiben, lädt er seine Leser auf eine „Reise der Entdeckung ein, die durch Überzeugungen führt, die wir mit dem Mormonismus teilen, während wir gleichzeitig unsere Unterschiede anerkennen“ (S. 12).
Ich bin ein ehemaliger Mormon, und ich glaube, dass ein Heiliger der Letzten Tage dieses Buch lesen und sich fair repräsentiert und verstanden fühlen könnte. Obwohl Beshears wohlwollend schreibt, ist er auch klar in seiner Aussage: „Es gibt viele unversöhnliche Unterschiede zwischen dem Mormonismus und dem traditionellen Christentum“ (S. 330). Leser müssen die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Mormonismus und Christentum verstehen, um Heilige der Letzten Tage wirklich gut lieben zu können.
Beim Thema Buch Mormon zeigt Beshears bewundernswerte Zurückhaltung. Wer seine Geschichte kennt, weiß, dass seine historischen Behauptungen leicht dem Spott preisgegeben werden können. Dennoch lässt Beshears die Mormonen nicht ungeschoren davonkommen, wenn er feststellt: „Die externen Belege für das Buch Mormon sind sehr spärlich im Vergleich zur Bibel. Wenn es möglich ist, Jerusalem zu besuchen, um etwas über die hebräische Geschichte oder Sprache zu lernen – wann wird es möglich sein, Zarahemla zu besuchen, um etwas über die Geschichte und Kultur der Nephiten zu erfahren?“ (S. 115).
Beshears hat auf die höflichstmögliche Weise die Erwartung vieler HLT-Anhänger in Frage gestellt, das Buch Mormon als historisches Dokument zu behandeln.
Selbst wohlgesonnene Kritiker erkennen das Buch Mormon als einen modernen Text, der sich als antikes Werk ausgibt. So argumentiert etwa Richard Bushman, ein HLT-Historiker: „Als Ganzes gelesen kann das Buch Mormon als ein ‚Dokument tiefgreifenden gesellschaftlichen Protests‘ gegen die dominante Kultur von Joseph Smiths Zeit verstanden werden.“ Die HLT vertreten ahistorische Überzeugungen, die mit dem Christentum unvereinbar sind.
Eine aktuelle Kontroverse unterstreicht, wie wichtig es ist, die Unterschiede zwischen Mormonismus und Christentum immer wieder herauszustellen. Im Juni 2026 überarbeitete das US-Verteidigungsministerium seine Liste anerkannter Religionen und führte Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage nicht unter den christlichen Konfessionen auf. Diese Auslassung empörte viele Mormonen und verwirrte viele andere, die mit den grundlegenden HLT-Lehren nicht vertraut sind.
Selbst wohlgesonnene Kritiker erkennen das Buch Mormon als einen modernen Text, der sich als antikes Werk ausgibt.
Um es klar zu sagen: Die HLT-Lehre weicht auf allen Ebenen radikal vom Christentum ab. So lehrt der Mormonismus nach Beshears, „dass es eine Zeit gab, in der der Vater existierte, der Sohn und der Heilige Geist aber noch nicht.“ Für Mormonen sind Sohn und Heiliger Geist also geschaffene Wesen. Darüber hinaus „interpretiert der Mormonismus die Bibel so, dass Menschen Abbilder eines verkörperten Gottes sind, der ein erhöhter Mensch ist“ (S. 223). Diese grundlegenden theologischen Aussagen unterscheiden sich fundamental von dem, was die Bibel über den dreieinigen Gott lehrt.
Solche Unterschiede sind nicht bloß akademischer Natur. Es geht um das Evangelium. Mormonen glauben, dass bis zum Auftreten ihres Gründers Joseph Smith „das von Jesus Christus eingesetzte Evangelium verloren gegangen war“. Ihr Evangelium unterscheidet sich daher von dem, was die Bibel lehrt. So vertreten sie beispielsweise die Auffassung, dass die Rechtfertigung von menschlichen Werken abhängt: „Denn wir wissen, dass wir durch Gnade errettet werden – nach allem, was wir tun können.“
Die letzte Hoffnung der Rechtfertigung besteht nicht darin, in eine rechte Beziehung zu Gott zurückversetzt zu werden. Stattdessen lehrte Joseph Smith nach Beshears, „dass Menschen das Potenzial haben, durch ewigen Fortschritt zu Göttern zu werden – auf ähnliche Weise, wie Gott selbst zu seinem göttlichen Zustand aufgestiegen ist“ (S. 273). Das ist nicht ganz die Karikatur vom „eigenen Planeten“, die durch das satirische Musical The Book of Mormon populär wurde, aber es ist weit entfernt vom biblischen Christentum.
Letztlich ist ein Gespräch über Lehre mit einem Mormon nicht mit einer Debatte über die Taufe zwischen einem Presbyterianer und einem Baptisten zu vergleichen. Es geht um Himmel und Hölle. Der Mormonismus hat zwar historische Wurzeln im Christentum, ist aber eine andere Religion.
Tragischerweise haben sogar einige christliche Theologen Schritte unternommen, die radikalen Unterschiede zwischen Mormonismus und Christentum kleinzureden.
So erklärt Richard Mouw in seiner Empfehlung einer mormonischen Systematischen Theologie: „Das Denken der Heiligen der Letzten Tage sollte als einen legitimen Platz in den Theologien der breiten christlichen Gemeinschaft einnehmend betrachtet werden.“ Beshears hingegen zeigt, dass der Mormonismus zwar viele Begriffe aus dem Christentum übernommen hat, die tatsächliche Überschneidung aber weit geringer ist, als es an der Oberfläche scheint.
Der Mormonismus hat zwar historische Wurzeln im Christentum, ist aber eine andere Religion.
Gleichzeitig verwendet Beshears den Begriff „traditionelles Christentum“, um diejenigen zu bezeichnen, die an dem „Glauben festhalten, der den Heiligen ein für alle Mal überliefert worden ist“ (). Es ist ein akademischer Begriff, der aus der soziologischen Vergleichsreligionswissenschaft stammt. Ihn zu verwenden, räumt jedoch unbeabsichtigt dem mormonischen Anspruch Raum ein, christlich zu sein – obwohl die HLT die meisten zentralen christlichen Lehren ablehnt oder umdeutet. Das verwässert den Begriff „Christentum“ auf unglückliche Weise.
Außerdem hätte ich in dem Kapitel über das Beten „mit aufrichtigem Herzen und echtem Willen“ – um herauszufinden, ob das Buch Mormon wahr ist, was mormonische Missionare potenziellen Konvertiten oft nahelegen – eine klare Ablehnung erwartet, gefolgt von einer Auseinandersetzung mit . Stattdessen erörtert Beshears die Rolle der Erfahrung im Christentum und schließt mit einer Empfehlung an diejenigen, die „beten und die Bibel studieren, um geistliche Wahrheit zu unterscheiden“ (S. 320). Aus wohlbegründeter Rücksicht auf Wohlwollen und Gesprächsbereitschaft ist manchmal dennoch eine direktere Antwort angebracht.
Auch wenn ich mir von Beshears stellenweise einen apologetisch entschlosseneren Ansatz gewünscht hätte, hat er gute Arbeit geleistet: Er hilft Christen, weit verbreitete Fehldarstellungen des Mormonismus zu vermeiden. Das Buch ist eine nützliche Ressource für das Pastorenregal, für einen Kleingruppen-Bibelkurs oder um Christen zu helfen, wenn mormonische Missionare an die Tür klopfen. Beshears‘ 40 Questions About Mormonism ist die klarste allgemeine Einführung in Geschichte und Lehre der Heiligen der Letzten Tage, die für evangelikale Leser verfügbar ist.
Dieser Beitrag erschien zuerst bei The Gospel Coalition. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung. Mehr von The Gospel Coalition.
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