Geschichte

250 Jahre Glaube: Die Geschichte des Christentums in Amerika

Thomas S. Kidd19 Min. Lesezeit

ZUSAMMENFASSUNG: Ob die Vereinigten Staaten von Amerika jemals eine christliche Nation waren, bleibt umstritten. Unbestritten ist, dass das Christentum in der 250-jährigen Geschichte Amerikas eine bedeutende Rolle gespielt hat. Sein Einfluss ist von Anfang an spürbar, auch wenn die bekanntesten Gründerväter keinen ausgeprägten christlichen Glauben besaßen. Nach der Gründungszeit brachte das Zweite Große Erwachen Amerika in den Jahrzehnten vor dem Bürgerkrieg auf einen Höhepunkt evangelikalen Glaubens. Obwohl mehrere Denominationen in den anderthalb Jahrhunderten seither drastische Rückgänge erlebt haben, deuten aktuelle Daten darauf hin, dass das Phänomen der „Nones“ übertrieben dargestellt wird. Das Christentum in Amerika verändert sich – aber es stirbt nicht.

Mit dem 250. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung scheint die Frage nach den christlichen Wurzeln der Nation kontroverser denn je. Säkularisten behaupten, der biblische Glaube habe mit der Gründung so gut wie nichts zu tun gehabt. Viele auf der christlichen Rechten hingegen bestehen darauf, die Gründerväter seien wiedergeborene Gläubige gewesen, die Amerika als „christliche Nation“ errichtet hätten.

Welche Rolle das Christentum bei der Geburt der Nation auch immer gespielt haben mag – wir leben heute im Amerika einer nachchristlichen Ära. Die herrschenden Kräfte in Wissenschaft, Wirtschaft, Unterhaltung und Recht stehen Christen und biblischer Moral meist feindselig gegenüber. Freie Selbstentfaltung ist zum obersten Maßstab sozialer Gerechtigkeit geworden. Traditionelle Moral und selbst biologische Wirklichkeit gelten vielfach als Instrumente von Unterdrückern. In dieser neuen Welt sehnen sich viele Christen danach, die geistlichen Ursprünge der Nation wiederzuentdecken.

Im folgenden Essay skizziere ich die Geschichte des Christentums in Amerika von der Gründungszeit bis heute. Dabei zeige ich, dass das Aufblühen der Kirche in Amerika nicht von ihrer Verbindung zur Regierung abhing, sondern von der Kraft ihres souveränen Gottes.

Glaube unter den Gründervätern

Amerika im Jahr 1776 fügt sich nicht ohne Weiteres in das Bild ungetrübter biblischer Frömmigkeit, das manche Christen dort zu finden erwarten. Gewiss haben biblische Konzepte die Gründungsprinzipien Amerikas beeinflusst. Um nur ein Beispiel zu nennen: Die Aussage der Unabhängigkeitserklärung, dass „alle Menschen gleich geschaffen sind“, ergibt nur Sinn, wenn man voraussetzt – wie die Gründerväter es taten –, dass es eine durch Offenbarung, Vernunft oder beides erkennbare Schöpfungsordnung gibt. Unsere Gleichheit und unsere Rechte leiten sich demnach aus unserer Beziehung zum Schöpfergott ab. Die Sicht der Unabhängigkeitserklärung auf den Menschen gründet damit im Wesentlichen auf und 2.

Zu sagen, dass die Gründungsideale eine biblische Weltanschauung widerspiegeln, ist jedoch etwas anderes, als zu behaupten, die Gründerväter seien orthodoxe, praktizierende Christen gewesen. Einige von ihnen waren sicherlich Gläubige. Virginias Patrick Henry und Samuel Adams aus Massachusetts waren bekennende Christen, die entschieden darauf bestanden, dass Amerika christliche Moral und biblische Überzeugungen brauche, um als Republik zu gedeihen. Doch blickt man auf die bekanntesten Gründerväter, finden sich unter ihnen keine offensichtlich persönlich frommen und theologisch gefestigten Christen.

Ben Franklin und Thomas Jefferson lassen sich theologisch vielleicht am leichtesten einordnen. Franklin bezeichnete sich in seiner Autobiography als Deisten und zweifelte bis ans Lebensende an wesentlichen christlichen Glaubenssätzen, darunter der Gottheit Christi und der Zuverlässigkeit der Bibel.1 Jefferson war für den größten Teil seines Lebens noch skeptischer als Franklin. Obwohl er überzeugt war, Jesus sei der größte Morallehrer der Geschichte gewesen, glaubte Jefferson dennoch nicht, dass Jesus der Sohn Gottes sei.2 Er stellte bekanntlich eine Evangeliensammlung zusammen, die nur Jesu Gleichnisse und ethische Lehren enthielt – die meisten Wunder hatte er buchstäblich mit der Schere herausgeschnitten.

John Adams befürwortete eine öffentliche Rolle des Christentums stärker als Jefferson. Er unterstützte sogar die Fortführung der offiziellen Staatskirche in Massachusetts nach der Verabschiedung der US-Verfassung, weil er überzeugt war, das Christentum verdiene staatliche Förderung als wichtigste Quelle der bürgerlichen Tugend. Doch wie Jefferson war auch Adams Unitarier und leugnete die Trinitätslehre.3

Andere Gründerväter – darunter George Washington, James Madison und Alexander Hamilton – hielten ihre persönlichen Überzeugungen bedeckt, was eine Einordnung schwieriger macht. Washington teilte mit Adams eine hohe Wertschätzung für die gesellschaftliche Bedeutung des Christentums. Doch über seine persönlichen Überzeugungen sagte Washington während seiner langen Laufbahn kaum etwas, und er hatte sich offenkundig entschieden, die Namen „Jesus“ oder „Christus“ weder aufzuschreiben noch öffentlich auszusprechen. An diesen Standard des Schweigens über Jesus hielt er sich bis auf wenige Ausnahmen konsequent.4 Washington nahm auch den größten Teil seines Lebens nicht am Abendmahl teil.5 Einigen Berichten zufolge tat er dies noch vor der Amerikanischen Revolution, doch nach 1776 blieb er entweder dem Gottesdienst an Abendmahlssonntagen fern oder verließ den Gottesdienst, bevor das Abendmahl ausgeteilt wurde.

Madison verfügte zweifellos über ein solides Fundament in traditioneller christlicher Theologie – sowohl aus seiner Erziehung in der anglikanischen Kirche als auch aus seinem Studium unter dem presbyterianischen Pastor John Witherspoon am Princeton College. Nach dem Studium wurde auch Madison jedoch weitgehend schweigsam in Bezug auf seine eigenen Überzeugungen. Abgesehen von seiner Teilnahme an einer Episkopalkirche in Washington, DC, als Präsident haben Wissenschaftler kaum Belege, anhand derer sie Madisons persönliche Glaubensüberzeugungen beurteilen könnten.6

Alexander Hamilton schließlich war wohl kaum jemandes Vorstellung eines heiligmäßigen Christen, war aber tiefer in orthodoxem christlichem Glauben verwurzelt als Franklin oder Jefferson.7 Und der sterbende Hamilton bat darum, das Abendmahl zu empfangen, nachdem Aaron Burr ihn im Duell erschossen hatte.8

Frei zu verkündigen und zu glauben

Wie erklärt sich, angesichts der zwiespältigen persönlichen Überzeugungen der Gründerväter, die beeindruckende Geschichte christlicher Frömmigkeit in Amerika? Der wichtigste Faktor war Gottes Vorsehung, die durch Tausende von Gemeinden wirkte, um das Evangelium zu verbreiten. Ein zweiter wesentlicher Faktor für Amerikas lebendige Religionsgeschichte war die außergewöhnliche Freiheit, die Kirchen und Christen dank der Religionsfreiheit genossen.

Die christliche Stärke Amerikas hing also nicht davon ab, dass die Regierung irgendwie „christlich“ war. Wir haben die ernüchternden Ergebnisse in Ländern wie England gesehen, die eine offizielle Staatskirche unterhalten haben.9 Politische Kompromisse und theologischer Verfall sind die unvermeidlichen Früchte der Zusammenarbeit von Kirche und Staat. Die religiöse Vitalität Amerikas gründete auf der Kraft Gottes, die sich durch eifrige Gemeinden in einer freien Umgebung entfaltete. Die amerikanische Geschichte ist eine Fallstudie über den Nutzen einer „freien Kirche“ im Dienst an einem „freien Staat“ – eine Situation, die die Baptist Faith and Message der Southern Baptist Convention als das „christliche Ideal“ beschreibt.

Gründerväter wie Madison und Jefferson strebten nach Religionsfreiheit aus eher „aufklärerischen“ Gründen, während evangelikale Christen andere Motive hatten. Jefferson betrachtete Religion als Privatsache, die staatlicher Aufsicht nicht unterliege. Die Evangelikalen, vor allem die Baptisten, wollten Religionsfreiheit, weil sie von den offiziellen Staatskirchen als Dissidenten verfolgt worden waren.10 Doch Evangelikale und von der Aufklärung beeinflusste Politiker kamen zum selben Schluss: Das Christentum würde besser gedeihen, wenn es von staatlicher Einmischung befreit wäre. Diese Überzeugung sollte sich in der amerikanischen Geschichte bewahrheiten.11

Freiheit garantierte freilich keine christliche Dynamik. Schon in den 1730er Jahren war die christliche Bindung im kolonialen Amerika so weit gesunken, dass das Erste Große Erwachen nötig war, um die schlummernden Gemeinden zu neuem Leben zu wecken. Oberflächliche Beobachter könnten annehmen, Amerika sei zur Zeit der Gründung am ausgeprägtesten religiös gewesen und sei seitdem zunehmend säkularer geworden. Genauer ist es jedoch, Amerikas christliche Geschichte als eine Abfolge von Zyklen zu sehen, mit regelmäßigen Phasen des Niedergangs und der Erweckung bis in die Gegenwart. Zum Glück fanden diese Zyklen nach 1776 weitgehend ohne nennenswerte religiöse Verfolgung von Christen statt. Die Inhaftierung dissidenter evangelikaler Prediger endete im Wesentlichen mit der Revolution.12

Dennoch gab es in der amerikanischen Kirchengeschichte kein goldenes Zeitalter. Jede Epoche hatte ihre Stärken und Schwächen. Wir blicken verständlicherweise auf das Erste Große Erwachen als Hochzeit theologisch gefestigter Prediger wie Jonathan Edwards und George Whitefield zurück. Aber selbst diese Ära war durch die Mitschuld dieser Pastoren am moralischen Übel der Sklaverei getrübt.

Das Zweite Große Erwachen

Was Evangelisation, Mission und Gemeindegründung betrifft, war die größte Ära in der amerikanischen Kirchengeschichte nicht das Erste, sondern das Zweite Große Erwachen. Viele reformierte und evangelikale Gläubige betrachten das Zweite Große Erwachen mit Skepsis, weil der populäre presbyterianische Prediger Charles Finney theologische Neuerungen einführte. In der Spätphase des Zweiten Erwachens entwickelte Finney ein anthropozentrisch ausgerichtetes Erweckungssystem. Er erklärte, eine Erweckung sei kein Wunder, sondern lediglich ein Ereignis, das von den Anstrengungen eines Pastors und der Anwendung wirksamer Techniken abhänge.13 Auch haben Calvinisten gemischte Gefühle gegenüber der dominierenden Stellung, die arminiansich-freiheitliche Methodisten im amerikanischen Protestantismus der 1830er Jahre einnahmen.

Trotz solcher theologischen Bedenken sollten wir die stillen, aber segensreichen Errungenschaften des Zweiten Erwachens nicht vergessen. Wir mögen mit den Methodisten in Fragen wie dem freien Willen und der universalen Versöhnung uneinig sein, aber die methodistische Kirche des Zweiten Großen Erwachens blieb eindeutig evangelikal. Methodistische Wanderprediger wie Francis Asbury besaßen einen Eifer für die Evangeliumsverkündigung, der von wenigen je übertroffen wurde. Zwischen 1776 und 1861 (dem Beginn des Bürgerkriegs) entwickelten sich die Methodisten von einer kleinen Sekte in Amerika zu einem evangelikalen Schwergewicht. In den 1850er Jahren hatten die Methodisten dazu beigetragen, Amerika evangelikaler und vom Evangelium durchdrungener zu machen als je zuvor oder seitdem.

„Die Kirche ist eine zähe Pflanze – und sie genießt die Pflege eines vollkommenen, souveränen Gärtners.“

Dicht hinter den Methodisten bei der Gemeindegründung folgten die Baptisten, von denen die meisten breit calvinistisch geprägt waren. Die Baptisten verzeichneten besondere Erfolge im ländlichen Süden, den viele Beobachter (ironischerweise) im Jahr 1776 als den am wenigsten kirchlich durchdrungenen Teil Amerikas betrachteten. Baptistische und methodistische Prediger reisten in abgelegene Dörfer und Höfe im Süden und Mittleren Westen, was zu unzähligen Bekehrungen und Gemeindegründungen führte und so den „Bible Belt“ entstehen ließ.

Baptisten und Methodisten legten auch während der Revolutionsepoche die ersten bedeutenden evangelistischen Grundlagen unter Afroamerikanern. Ein Höhepunkt war die Bekehrung des baptistischen Pastors und Sklaven David George. Um 1773 wurde George Pastor der ersten dauerhaft bestehenden, von Afroamerikanern geleiteten Gemeinde, der Silver Bluff Church in South Carolina. Nach dem Revolutionskrieg evakuierte George mit den Briten nach Nova Scotia in Kanada, wo er unter der schwarzen Loyalistenbevölkerung missionierte. Schließlich verließen George und viele seiner kanadischen Gemeindemitglieder Nova Scotia nach Sierra Leone in Westafrika, wo George eine weitere Baptistengemeinde gründete.14 Georges Geschichte veranschaulicht, wie Evangelikale begannen, das Evangelium über Kulturgrenzen und Ozeane hinweg zu tragen.

Ungeachtet solcher Vorläufer wie David Georges Gemeindegründungsarbeit begann die formelle Missionsbewegung in Amerika 1810 mit der Gründung des American Board of Commissioners for Foreign Missions (ABCFM). Inspiriert von William Careys British Baptist Missionary Society (1792), schlossen sich amerikanische Kirchen der Bemühung an, Missionare in alle Welt zu senden. Zu den ersten vom ABCFM entsandten Missionaren gehörten Adoniram und Ann Judson, die 1812 nach Indien aufbrachen. Die Judsons waren Kongregationalisten, aber während ihrer Überfahrt nach Südasien überprüften sie die Frage der Taufe neu und wurden überzeugte Baptisten. Diese Veränderung führte schließlich zur Gründung der Baptists‘ Triennial Convention, der ersten nationalen Baptistenorganisation in Amerika, die die weltweite Baptistenmission förderte.15

Neben Evangelisation, Gemeindegründung und Mission ließen sich noch weitere Aspekte des umfassenden christlichen Wachstums nennen, das das Zweite Große Erwachen mit sich brachte. Dazu gehörten natürlich Erweckungen, allen voran das Cane Ridge Awakening in Kentucky im Jahr 1801. Aber selbst diese Erweckungen entstanden nicht aus dem Nichts: Die „Camp Meetings“ waren das Ergebnis lokaler Gemeinden, die bei besonderen Evangelisationsveranstaltungen mit rund um die Uhr stattfindender Evangeliumsverkündigung zusammenarbeiteten.

Gemeinden taten sich auch in Bibelgesellschaften zusammen, um die Heilige Schrift in Rekordzahlen zu drucken und zu verteilen. Evangelikale engagierten sich in den großen sozialen und politischen Anliegen der Zeit, einschließlich der Abschaffungsbewegung gegen die Sklaverei. Weiße evangelikale Südstaatler (viele von ihnen selbst Sklavenhalter) stellten sich jedoch auf die Seite der Sklavereiverfechter, was in den 1840er Jahren zur Spaltung der baptistischen und methodistischen Denominationen führte. Erschütternd war, dass es beim baptistischen Bruch von 1845 nicht nur um Sklaverei im Allgemeinen ging, sondern um die Frage, ob Sklavenhalter rechtmäßig als Missionare dienen könnten. Hier, wie so oft in der Kirchengeschichte, zeigt sich, wie Menschen dazu neigen, Zeiten des Segens durch ihre eigene Sünde und Selbstsucht zu verderben.

Eine Möglichkeit, eine „christliche Nation“ zu definieren, ist ein Land mit einem ungewöhnlich hohen Anteil christlicher Gläubiger. Nach diesem Maßstab war Amerika wahrscheinlich am christlichsten in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, nach dem Zweiten Großen Erwachen. Gemeindegründung, Evangelisation und Erweckungen hatten beispiellos viele Weiße und Schwarze in evangeliumsverkündende Gemeinden geführt. (Die Bekehrungen unter Ureinwohnern hinkte weit hinterher, obwohl Baptisten und andere Evangelikale unter Stämmen wie den Cherokees einige Fortschritte erzielten.) Doch der Schatten der Sklaverei lag über dem evangelikalen Triumph der Mitte des 19. Jahrhunderts. Die denominationellen Spaltungen der 1840er Jahre kündigten die noch verheerendere nationale Spaltung an, die 1861 den Bürgerkrieg auslöste. Die größte moralische Frage des Zeitalters sollte durch den Zusammenstoß von Armeen entschieden werden, nicht durch die vernünftigen Beratungen von Pastoren und Theologen.

Das Christentum während des Bürgerkriegs und danach

Wenn die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts den Höhepunkt des Evangelikalismus in Amerika darstellte, was ereignete sich in den folgenden anderthalb Jahrhunderten? Wie wurde aus dem stark evangelikalen Amerika von 1861 das Amerika von 2026, in dem Evangelikale nun in einer Kultur leben, die Christen mit einer Mischung aus Gleichgültigkeit und Feindseligkeit begegnet? Es ist eine äußerst vielschichtige Geschichte, aber die Transformation begann mit dem Bürgerkrieg selbst. Der Krieg untergrub die moralische Autorität der Kirchen, denen es auffällig nicht gelungen war, eine einheitliche Haltung zur Sklaverei einzunehmen. Das späte neunzehnte Jahrhundert erlebte zudem eine große Welle katholischer und jüdischer Einwanderer, die die religiöse Landschaft dauerhaft diversifizierten und die zahlenmäßige Dominanz des Protestantismus erschütterten. Diese Diversifizierung weitete sich Mitte der 1960er Jahre aus und schloss mehr Einwanderer mit muslimischem, hinduistischem, buddhistischem und anderen religiösen Hintergründen ein.

Führende Denominationen des späten 19. Jahrhunderts sahen sich zudem dem theologischen und philosophischen Verfall durch Darwinismus und historisch-kritische Bibelwissenschaft gegenüber, was grundlegende Fragen wie den Ursprung der Menschheit und die Autorität der Bibel in Zweifel zog. Tragischerweise waren viele protestantische Theologen und Pastoren mehr an akademischer Neuerung und kulturellem Ansehen interessiert als an biblischer Treue. So begann einst evangelikale Denominationen wie die methodistische Kirche einen langen, schmerzhaften Abglitt in den Liberalismus und die kulturelle Bedeutungslosigkeit. Bis zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts hatte die Southern Baptist Convention (SBC) die Methodisten als größte protestantische Denomination der Nation abgelöst.

Auch die SBC blieb den Klippen des theologischen Liberalismus und der Bibelkritik nicht erspart. Bittere Auseinandersetzungen über liberale Strömungen erschütterten SBC-Seminare für das Jahrhundert zwischen den 1870er und 1970er Jahren. Meine eigene Institution, das Midwestern Baptist Theological Seminary in Kansas City, erlebte, wie einer ihrer Professoren für das Alte Testament (Ralph Elliott) 1961 das kontroverse Buch The Message of Genesis veröffentlichte. Elliott stellte die Genesis weitgehend als symbolischen und mythologischen Bericht dar, nicht als Schilderung tatsächlicher historischer Ereignisse.16 Die konservative Erneuerungsbewegung der SBC, die 1979 begann, korrigierte das wiederkehrende Problem liberaler Seminare in einer überwiegend traditionalistischen Denomination. In den 1990er Jahren waren SBC-Seminare einheitlich konservativ und inerrrantistisch ausgerichtet. Nicht zufällig spielen SBC-Institutionen im 21. Jahrhundert eine prägende Rolle in der amerikanischen Seminarausbildung und hinterlassen damit einen bleibenden Abdruck auf die Zukunft des Pastorendienstes und der Mission.17

Die konservative Wende machte die SBC jedoch zu einem Außenseiter unter den historischen protestantischen Denominationen. Mainline-Denominationen wie die Episcopal Church und die Presbyterian Church (USA) übernahmen progressive Positionen zu Fragen wie der historischen Bibelkritik, der Ordination von Frauen als Pastorinnen und der Unterstützung der LGBTQ+-Agenda. Die Mainline folgte weitgehend den breiteren amerikanischen Mustern des säkularen Egalitarismus und des expressiven Individualismus. Diese Denominationen gerieten ab den 1960er Jahren in eine verheerende Abwärtsspirale.

Einige konservative Denominationen wie die SBC haben in den letzten Jahrzehnten ebenfalls einen langsamen Rückgang erlebt. Doch gerade wenn man zu glauben beginnt, die amerikanische Kirche befinde sich in einem Todessturz, tauchen Zeichen neuen Lebens auf. Die Presbyterian Church in America (PCA) zum Beispiel verzeichnete in jüngster Zeit deutliche Zuwächse bei Glaubensbekenntnissen von Kindern und Erwachsenen sowie ein langsames Mitgliederwachstum.18 Das Wachstum des globalen Christentums hat auch unerwartete Auswirkungen auf amerikanische Kirchen gehabt. Konservative in der Anglican Church in North America haben sich beispielsweise von der progressiven Episcopal Church getrennt und sich traditionalistischen anglikanischen Provinzen im globalen Süden angeschlossen. Die United Methodist Church erlebte ebenfalls, wie viele evangelikale Gemeinden sich abspalteten, um 2022 die Global Methodist Church zu gründen.

Was Statistiken (nicht) zeigen

Meinungsforscher, die sich mit amerikanischer Religion beschäftigen, haben viele aufgeregte Berichte über die „Nones“ produziert – die wachsende Zahl von Amerikanern, die angeben, keine Religion zu haben.19 Wie Byron Johnson und ich jedoch in unserem demnächst erscheinenden Buch The Death of Religion? zeigen, gibt es gute Gründe zu vermuten, dass das „Nones“-Phänomen übertrieben dargestellt wird.20 Es stimmt zwar, dass heute mehr Amerikaner Meinungsforschern gegenüber angeben, keine Religion zu haben. Noch eine Generation zuvor hätten viele dieser Menschen wahrscheinlich gesagt, sie seien Christen, auch wenn sie nie in die Kirche gingen. Den Wechsel von einem nominellen, nicht praktizierenden „Christen“ zu einem nicht praktizierenden „None“ als eine Änderung der Selbstbezeichnung zu verstehen, bedeutet nicht zwangsläufig eine Veränderung der religiösen Praxis oder Überzeugung. Aus christlicher Perspektive ist das wahrscheinlich sogar eine begrüßenswerte Entwicklung, denn nominelles Christentum ist kein wahres Christentum.

Standarderhebungen zu Gemeinden, wie der viel diskutierte US Religion Census, erfassen die tatsächliche Zahl amerikanischer Congregations jedoch massiv unvollständig – in der Regel um mindestens 25 Prozent.21 Warum diese massive Untererfassung? Demografen übersehen oft relativ neue Gemeinden und Denominationen, weil sie den Forschern unbekannt sind oder die Gemeinden keine Mitgliederzahlen melden. Das sind die „Others“ – die Fehlenden in typischen Religionserhebungen, und sie sind eine bedeutende Gruppe. In der Religionsberichterstattung könnten die „Others“ genauso gut nicht existieren, während die „Nones“ die gesamte religiöse Landschaft zu dominieren scheinen.

Die „Others“ sind überproportional evangelikal und pfingstlerisch, oft People of Color, und ihre Gemeinden werden häufig von Einwanderern geleitet. Manchmal treffen sich die „Others“ in einem Ladenlokal oder im Gebäude einer anderen Kirche; manchmal handelt es sich um Megakirchen mit Tausenden von regelmäßigen Besuchern.

Die nicht erfassten Gemeinden und Gemeindemitglieder sind besonders stark in städtischen Gebieten vertreten, darunter Städte wie Boston und New York, die missionarisch als säkular und schwer erreichbar gelten. Der Soziologe Tony Carnes untersuchte beispielsweise ein Viertel in der South Bronx, in dem es angeblich nur 44 christliche Gemeinden gab. Carnes entdeckte 156!22 Das ist ein extremes Beispiel, spiegelt aber dennoch ein vitales Netz oft unbeachteter Gemeinden wider, die die Zukunft der amerikanischen Religion repräsentieren.

Johnson und ich schätzen konservativ, dass es etwa zehn Millionen Amerikaner gibt, die regelmäßig Gottesdienste besuchen, aber in Standardreligionserhebungen nicht auftauchen. Reformierten Christen würde die Theologie einiger dieser „Others“ missfallen, besonders jener, die den trügerischen Verheißungen des Wohlstandsevangeliums anhängen. Der springende Punkt ist jedoch: Während das Christentum in Amerika sich zweifellos verändert, stirbt es nicht. Selbst das vergleichsweise unwirtliche Umfeld einer nachchristlichen Kultur kann es nicht auslöschen. Die Kirche ist eine zähe Pflanze – und sie genießt die Pflege eines vollkommenen, souveränen Gärtners.

Evangelikaler Ausnahmecharakter

Wo stehen wir also anlässlich des 250. Jahrestags Amerikas? In Gottes Heilsplan ist Amerika nur eine Nation unter vielen. Viele amerikanische Heilige werden in der großen Schar der Anbeter aus jedem Volk, jeder Sprache und Nation vertreten sein (), aber Amerika hat keine Ausnahmestellung in der göttlichen Geschichte – es ist kein modernes Äquivalent zum biblischen Israel.

Was das amerikanische Christentum jedoch außergewöhnlich gemacht hat, ist die Religionsfreiheit und die Vitalität seiner evangelikalen Kirchen. Die amerikanische Kirche war nicht deshalb ungewöhnlich stark, weil wir als „christliche Nation“ gegründet wurden, sondern weil die Gründerväter glaubten, die Kirche würde am besten gedeihen, wenn sie frei von staatlicher Einmischung wirken könnte. Der amerikanische Staat schätzte die Religion traditionell so sehr, dass er die Kirchen das tun ließ, was nur Kirchen tun sollten: das Evangelium verkündigen, das Wort predigen, Missionare aussenden und als Botschaften des Reiches Gottes dienen. In den Generationen hat die amerikanische Kirche eine Vielzahl treuer Pastoren, Missionare und Laien hervorgebracht, die diesem Ruf folgten. Möge es so bleiben, solange das amerikanische Experiment andauert.


  1. Thomas S. Kidd, „Reconciling Deism and Puritanism in Benjamin Franklin“, Yale University Press Blog, 12. Mai 2017, https://yalebooks.yale.edu/2017/05/12/reconciling-deism-and-puritanism-in-benjamin-franklin/. Vgl. Thomas S. Kidd, Benjamin Franklin: The Religious Life of a Founding Father (Yale University Press, 2017).

  2. Thomas S. Kidd, Thomas Jefferson: A Biography of Spirit and Flesh (Yale University Press, 2022).

  3. Gary Scott Smith, Religion in the Oval Office: The Religious Lives of American Presidents (Oxford University Press, 2015), 11. Margaret A. Hogan, „John Quincy Adams: Family Life“, Miller Center, o. D., https://millercenter.org/president/jqadams/family-life.

  4. George Tsakiridis, „George Washington and Religion“, George Washington’s Mount Vernon, https://www.mountvernon.org/library/digitalhistory/digital-encyclopedia/article/george-washington-and-religion.

  5. „Religious Practices of the Washington Family“, George Washington’s Mount Vernon, o. D., https://www.mountvernon.org/george-washington/religion/religious-practices-of-the-washington-family.

  6. Smith, Religion in the Oval Office, 53. Vgl. Richard F. Grimmett, „The History and Heritage of the Church of the Presidents“, Library of Congress, 24. März 2010, Video, https://www.loc.gov/item/2021688417/.

  7. Obbie Tyler Todd, „Was Alexander Hamilton a Christian? The Troubled Faith of a Disgraced Founding Father“, Desiring God, 8. Oktober 2021, https://www.desiringgod.org/articles/was-alexander-hamilton-a-christian.

  8. Tony Williams, Hamilton: An American Biography (Rowman & Littlefield, 2018), 163.

  9. David Paulsen, „Archbishop of Canterbury Sarah Mullaly Installed in Service Attended by Anglican Communion Leaders“, Episcopal News Service, 25. März 2026, https://episcopalnewsservice.org/2026/03/25/anglican-leaders-gather-for-installation-of-archbishop-of-canterbury-sarah-mullally/.

  10. So wurden in den Jahren vor der Revolution Dutzende baptistischer Pastoren in Madison und Jeffersons Virginia wegen illegaler Predigttätigkeit inhaftiert. Thomas S. Kidd, God of Liberty: A Religious History of the American Revolution (Basic, 2010), 37–39.

  11. Auf die im Ersten Zusatzartikel garantierte „freie Religionsausübung“, die 1791 ratifiziert wurde, folgte das Zweite Große Erwachen – die bedeutendste Ära christlichen Wachstums und der Gemeindegründung in der amerikanischen Geschichte.

  12. Die heutigen Vorfälle von Gewalt und Einschüchterung gegen Kirchen, christliche Schulen und einzelne Gläubige stellen jedoch eine besorgniserregende Abkehr vom langen nationalen Muster der Religionsfreiheit dar. Ein drastisches Beispiel ist die Störung eines Gottesdienstes in Minnesota. Siehe Sarah Raza, „30 More People Indicted over Anti-ICE Protest at Minnesota Church, Bondi Says“, PBS News, 27. Februar 2026, https://www.pbs.org/newshour/politics/30-more-people-indicted-over-anti-ice-protest-at-minnesota-church-bondi-says.

  13. Iain H. Murray, Revival and Revivalism: The Making and Marring of American Evangelicalism, 1750–1858 (Banner of Truth, 1994), 282–83.

  14. Thomas S. Kidd und Barry Hankins, Baptists in America: A History (Oxford University Press, 2015), 46–47.

  15. Kidd und Hankins, Baptists in America, 94–95.

  16. Gregory A. Wills, Southern Baptist Theological Seminary, 1859–2009 (Oxford University Press, 2009), 406–7.

  17. Jeffrey Walton, „Seminary Endowments: Mainline Has Money, Southern Baptists Have Students“, Juicy Ecumenism, 10. September 2024, https://juicyecumenism.com/2024/09/10/seminary-endowments/.

  18. Andy Jones, „New Statistics Reveal PCA’s Growth in 2024″, byFaith, 29. April 2025, https://byfaithonline.com/new-statistics-reveal-pcas-growth-in-2024/.

  19. „Religious ‚Nones‘ in America: Who They Are and What They Believe“, Pew Research Center, 24. Januar 2024, https://www.pewresearch.org/religion/2024/01/24/religious-nones-in-america-who-they-are-and-what-they-believe/.

  20. Byron R. Johnson und Thomas S. Kidd, The Death of Religion? Nones, Others, and the Flourishing of Faith (B&H Academic, 2026).

  21. J. Gordon Melton, Todd Ferguson und Steven Foertsch, „The Others: Finding and Counting America’s Invisible Churches“, Journal for the Scientific Study of Religion 62, Nr. 4 (2023): 901–12. Siehe „U.S. Religion Census: Information on Data Sources“, The Association of Religion Data Archives, o. D., https://www.thearda.com/us-religion/sources-for-religious-congregations-membership-data.

  22. Peter Feuerherd, „Contrary to Stereotypes, Religious Life Flourishes in NYC“, US Catholic, 15. September 2020, https://uscatholic.org/articles/202009/contrary-to-stereotypes-religious-life-flourishes-in-new-york-city/.

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