Gestern Morgen hielt ich meinen zwei Wochen alten Sohn im Arm und las erneut die Worte des Pharao in : „Alle Söhne, die den Hebräerinnen geboren werden, sollt ihr in den Nil werfen.“
Es gab eine Zeit, in der Väter wie ich ihre Söhne eng an die Brust drückten – ihre Arme ein Schutzwall gegen die Barbarei. Es gab eine Zeit, in der grausame Männer trotzdem in ihre Häuser eindrangen und diese Arme schlugen, bis sie brachen. Es gab eine Zeit, in der Mütter und Schwestern weinten und schrien. Es gab eine Zeit, in der kleine Jungen mit dem Gesicht nach unten im Nil trieben.
Dann aber wanderten meine Gedanken zu einem anderen Nil – einem blutrot gefärbten Fluss, der durch Amerika und so viele andere Nationen strömt.
Denn es gibt eine Zeit, in der Männer wie ich mit Frauen wie meiner in Gebäude gehen und sagen: „Kümmert euch bitte darum.“ Es gibt eine Zeit, in der Ärzte in den Bereich eindringen, wo Gott Leben knüpft, um den Faden zu durchtrennen. Es gibt eine Zeit, in der der unsichtbare Fluss unserer Welt rot läuft vom Blut einer Million Kinder. Ja, diese Zeit gibt es – und diese Zeit ist jetzt.
Bei allen Unterschieden zwischen dem Kindermord des Pharao und der heutigen Abtreibungspraxis enden doch beide in einem Haufen toter Kinder, deren Körper wie Abfall entsorgt werden. Und oft entspringen beide demselben finsteren Antrieb: gottlosem Ehrgeiz.
Der gottlose Ehrgeiz des Pharao
Einst war die mächtige Nation Ägypten froh, Jakob und seinen Söhnen Zuflucht zu gewähren. Pharao empfing den Segen des Patriarchen und bot seiner Familie das Beste des Landes an (). Ein Mann stand zwischen den beiden Völkern – hebräisch von Geburt, ägyptisch in seinem Amt: Josef.
Doch mit der Zeit „kam ein neuer König über Ägypten, der wusste nichts von Josef“ (). Er kannte den Mann nicht, der seine Nation einst vor dem Verhungern gerettet hatte; er kannte nur dessen zahlreiche Kinder, Neffen und Nichten, jene Israeliten, die sich „gemehrt und sehr stark geworden“ waren ().
Andere Herrscher, die die Stärke Abrahams, Isaaks und Jakobs erkannt hatten, schlossen Bündnisse und genossen den Segen, den Gott den Freunden seines Volkes verheißen hatte (). Doch dieser Pharao war mehr Autokrat als Diplomat. Sein Ehrgeiz war zu groß für den Frieden.
„Wohlan, wir wollen klug gegen sie handeln“, überlegte er, „damit sie sich nicht mehren, und wenn ein Krieg ausbricht, nicht auch noch zu unseren Feinden stoßen, gegen uns kämpfen und aus dem Land ziehen“ (). Pharao hatte Städte zu bauen und brauchte Sklaven. Pharao hatte ein Königreich zu vergrößern und brauchte gefügige Untertanen. Pharao hatte einen Thron zu sichern und brauchte keine Rivalen.
Zuerst versuchte er es mit harter Knechtschaft, doch die Hebräerinnen gebaren weiterhin Kinder (). Dann befahl er den hebräischen Hebammen, für ihn zu morden – doch sie weigerten sich, und die Hebräerinnen gebaren weiterhin Kinder (). Also schüttete er das Gift seines Ehrgeizes in die Kehlen seines Volkes: „Da gebot der Pharao seinem ganzen Volk: Alle Söhne, die den Hebräerinnen geboren werden, sollt ihr in den Nil werfen“ (). Tötet die Jungen. Tötet jeden Einzelnen von ihnen.
Amerikas gottloser Ehrgeiz
Natürlich würden viele Befürworter des Rechts auf Abtreibung Vergleiche zwischen dem Kindermord des Pharao und der Abtreibungspraxis Amerikas ablehnen. Doch für diejenigen, die überzeugt sind, dass das Kind im Mutterleib genauso ein Mensch ist wie das Kind außerhalb, sind die Unterschiede kleiner als sie erscheinen mögen. Einige Monate und einige Zentimeter mögen das Kind im Mutterleib vom Kind in den Armen seiner Mutter trennen – aber es ist dasselbe Kind.
„Pharao glaubte, er würde einen Fluch töten; in Wirklichkeit mordete er einen Segen.“
Darüber hinaus teilen Kindermord damals und Abtreibung heute oft denselben pharaonischen Geist. Nicht immer – aber häufig genug sterben die Mädchen und Jungen, die durch die Zange des Abtreibers sterben, als Opfer gottlosen Ehrgeizes. In ihrem Buch The Story of Abortion in America zeigen Marvin Olasky und Leah Savas, wie dieser Ehrgeiz in unserem Land Frauen und Männer, Abtreibungsärzte und ihre Verbündeten gleichermaßen erfasst hat.
Frauen und Männer
Viele Frauen betreten die Praxis des Abtreibungsarztes voll innere Zerissenheit. Selbst „viele Schriften, die als pro-choice gelten, offenbaren pro-life-Sehnsüchte“ – wie etwa die Frau, die nach einer Abtreibung schrieb:
Die Wissenschaft sagt mir
in meinen Knochen
flüsterst du noch immer. (The Story of Abortion, 4)
Wahr ist aber auch, dass Lawrence Lader, der „Vater des Abtreibungsrechts“, viele davon überzeugte, dass „keine Frau frei sein könne, solange sie keine absolute Kontrolle über ihre Fruchtbarkeit habe“. Betty Friedan jedenfalls, eine Führerin des Feminismus der zweiten Welle, war überzeugt – und sie und andere arbeiteten daran, „die Abtreibung zum Herzstück des Feminismus zu machen“ (S. 294), oder was Lader die „‚letzte Freiheit‘ auf dem Weg zur weiblichen Autonomie“ nannte (S. 292).
Lader veröffentlichte sein Buch Abortion im Jahr 1966. In den sechzig Jahren seither wurde Frauen immer wieder gesagt, sie sollten Ambitionen entwickeln, die größer sind als die Mutterschaft – womit Kinder zwangsläufig zu Feinden weiblichen Erfolgs werden. Manche Frauen schlucken diese Agenda vollständig und schreien ihre Abtreibung in die Welt; viele andere hören stiller zu, entscheiden sich aber dennoch für die Autonomie und gegen Kinder.
Neben den Frauen, die keine Mütter sein wollen, stehen jedoch Männer, die keine Väter sein wollen. Wie viele Frauen, die zutiefst unschlüssig waren, haben sich unter dem Druck eines Freundes oder Ehemanns für eine Abtreibung entschieden? Schon in den 1830er Jahren bemerkte ein junger Pastor aus New York, dass manche New Yorker die Frauen für Abtreibungen verantwortlich machten – dabei seien es in der Regel Männer, die „Ärzten große Geldsummen [anbieten, um] das Problem zu lösen“ (S. 76). Männer heute, mit ihren eigenen Ambitionen, setzen weiterhin Geld und Manipulation ein, um mit ungeplanten Schwangerschaften fertigzuwerden.
Sicher ist: Wenn jeder Mann in Amerika die Vaterschaft hochschätzen würde, wenn er den Titel „Papa“ als wertvoller erachtete als „Präsident“ oder „Vorstandsvorsitzender“, würden jedes Jahr tausende Kinder mehr das Licht der Welt erblicken. Aber auch männlicher Ehrgeiz hält eine Klinge bereit.
Abtreibungsärzte und ihre Verbündeten
Mitte des 19. Jahrhunderts verdiente Anna Lohman, bekannt als Madame Restell, durch Abtreibungen genug Geld, um „20.000 Dollar pro Jahr für Werbung auszugeben (was heute rund 600.000 Dollar entspricht)“ (S. 116). Ein Jahrhundert später wurde die Abtreibungsärztin Inez Burns reich genug, um „fast die Hälfte ihrer Einnahmen in Zahlungen und Bestechungsgelder zu investieren: 6.000 Dollar pro Woche an städtische Beamte, 12.000 Dollar pro Monat an die Polizei von San Francisco, 5.000 Dollar ‚für jeden Politiker, der für ein Amt kandidierte'“ (S. 250). Obwohl beide Frauen für ihre Verbrechen inhaftiert wurden, erwies sich die Abtreibung als lukrativ genug, um nach ihrer Entlassung weiter Kinder zu töten.
Selbst heute, wo Abtreibungsärzte ihre Dienste unter dem Schutz des Gesetzes anbieten, ist die Abtreibung ein Geschäft mit Ambitionen. Als 2015 ein Undercover-Video eine leitende Ärztin von Planned Parenthood dabei aufnahm, wie sie die richtige Methode beschrieb, ein Kind zu „zerquetschen“, um seine Körperteile für die Forschung zu erhalten, erwachten Menschen wie Terrisa Bukovinac für das, was sie den „Abtreibungsindustriekomplex“ nannte (S. 399).
Und dieser Komplex ist groß – er umfasst nicht nur Abtreibungsärzte, sondern auch ihre Verbündeten. Als Abtreibung im ganzen Land verboten war, profitierten Zeitungen noch immer „enorm“ von der Werbung von Frauen wie Restell – ebenso wie die vielen Politiker und Polizisten, die unterwegs Bestechungsgelder kassierten (S. 111, 231). Diese Zahlungen wurden überflüssig, als Roe 1973 in Kraft trat, und sind es auch nach Dobbs geblieben, da eine Frau, die eine Abtreibung möchte, nötigenfalls Staatsgrenzen überschreiten kann (oft auf Kosten ihres Arbeitgebers). Doch der Nutzen der Pro-Abtreibungs-Haltung erstreckt sich weit über die Abtreibungsärzte hinaus. Viele Politiker etwa bauen ihre ehrgeizigen Plattformen darauf, so viel Freiheit zur Abtreibung wie möglich zu versprechen.
Eine größere Vision
Wenn wir die moderne Welt neben das alte Ägypten stellen, treten Ähnlichkeiten zutage. Nein, Amerika und andere Nationen haben keinen einzelnen Wahnsinnigen, der uns befiehlt, unseren Nachbarn die Kinder aus den Armen zu reißen. Und doch brodelt ein pharaonischer Geist unter unserem Ehrgeiz nach Karriere, Autonomie, sexueller Freiheit, Geld und Macht. Und hinter diesen Ambitionen liegt eine Spur toter Kinder – genauso real wie die hebräischen Jungen im Nil.
Was brauchte Pharao? Und was braucht unsere schuldige Nation? Zweierlei: eine größere Vision und besseres Blut.
Wir brauchen eine größere Vision. Pharao „wusste nichts von Josef“ () – aber hätte er ihn doch nur gekannt! Dann hätte er gewusst, dass Ägypten seinen Bestand gerade den Hebräern verdankte, die er so fürchtete. Er hätte gewusst, dass Gott Ägypten einst gesegnet hatte, weil es Gottes Volk segnete – und dass er bereit war, es wieder zu tun (). In seiner Blutgier glaubte Pharao, er töte einen Fluch; in Wirklichkeit mordete er einen Segen.
Teilt die Abtreibung nicht dieselbe kurzsichtige Vision? Dieses unerwünschte Kind sieht wie ein Fluch aus, ein Eindringling, eine lebenslange Unterbrechung. Und die Abtreibung verspricht Rettung. Doch wie bei Pharao gilt auch für uns: Das, was uns zu zerstören droht, ist genau das, was uns Gutes tun soll. Wer Kinder abtreibt, gleicht Männern, die ungeöffnete Geschenke zertreten, Kindern, die ihr Erbe verbrennen, Frauen, die Juwelen die Toilette hinunterspülen – Pharaonen, die ihre Freunde töten. Babys kommen wie Josef nach Ägypten: um uns Gutes zu tun.
Kinder sind die Freunde, nicht die Feinde der besten Ambitionen. „Lasst eure Kinder leben“ ist kein Ruf, Ambitionen aufzugeben – es ist ein Ruf, eine größere zu entwickeln. Am Anfang empfingen Adam und Eva eine Berufung, die weit größer war als die des Pharao: Macht euch die Erde untertan und herrschet über alle Lebewesen. Und wie sollten sie das tun? Nur indem sie dem Gebot befolgten, das zuvor kam: „Seid fruchtbar und mehret euch“ ().
Auch wenn wir nicht mehr im Garten leben: Kinder zu haben und zu lieben bleibt eine der besten Möglichkeiten, mit dem eigenen Leben den größten Unterschied zu machen. In der Schrift sind Kinder Häuser, die Bestand haben, Pfeile, die Kriege gewinnen, Kronen, die unser gealtertes Haupt schmücken. Die Pharaonen dieser Welt mögen so ehrgeizig bauen, wie sie wollen – das Ergebnis wird eine Hütte sein, die schnell einstürzt. Aber die bescheidenste Mutter und der bescheidenste Vater, die Gottes Verheißung glauben, legen die Steine einer Kathedrale.
Ja, wir brauchen eine größere Vision. Aber wir brauchen noch etwas mehr.
Besseres Blut
Gestern Morgen hielt ich meinen zwei Wochen alten Sohn im Arm und dachte an einen anderen Jungen. Denn es gab eine Zeit, in der ein Junge von einem pharaoähnlichen König gejagt wurde und dennoch entkam. Es gab eine Zeit, in der dieser Junge ein Mann wurde und aus Ehrgeiz verraten wurde. Es gab eine Zeit, in der der Neid und die Furcht vieler nach seinem Blut schrien. Es gab eine Zeit, in der dieses Blut aus seinen Händen strömte wie ein Fluss.
Und es gibt eine Zeit – jetzt und immerdar –, in der dieses Blut ausreicht, um jeder Frau zu vergeben, die je eine Abtreibungsklinik betreten hat; jedem Mann, der sie unter Druck gesetzt hat, dorthin zu gehen; jedem Arzt, der ihr Verlangen erfüllt hat; jedem, der davon profitiert hat – und uns allen, die wir zwar keine Abtreibung vorgenommen haben, aber dennoch gottlosen Ehrgeiz über Kinder gestellt haben. Was auch immer unsere Hände befleckt – das Blut Jesu Christi kann uns reinwaschen.
Dieser Beitrag erschien zuerst bei Desiring God. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung. Mehr von Desiring God.
