„Jesus selbst sagt doch, dass wir nicht richten sollen.“ Mit diesem Satz enden viele Gespräche über christliche Ethik oft sehr schnell. Ich höre diesen Vers häufig in Diskussionen über die biblische Sexualethik, besonders dann, wenn diese Gespräche in progressiven, säkularen Kreisen stattfinden. Es braucht allerdings nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie dieser Satz auch in anderen Zusammenhängen verwendet wird. Wenn er dazu dient, ein Gespräch zu beenden, lautet die unausgesprochene Botschaft meist: Jesus sagt, dass es falsch ist, mir zu sagen, dass ich falschliege.
Warum funktioniert dieses Argument so gut? Zunächst einmal hat Jesus tatsächlich etwas Derartiges gesagt: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“ (). Er hat es nicht nur gesagt, sondern diese Worte stehen auch in seiner bekanntesten Predigt, der Bergpredigt. Deshalb kennen so viele Menschen diesen Vers oder zumindest eine Version davon. „Richtet nicht“ scheint auf derselben Stufe zu stehen wie die Goldene Regel. Wenn also ein Nichtchrist oder auch ein Christ mit einer anderen Überzeugung behaupten möchte, seine Position dürfe nicht kritisiert werden, beruft er sich auf eine Aussage mit höchster Autorität.
Außerdem kann das Wort „richten“ tatsächlich das Fällen moralischer Urteile bedeuten. Deshalb ist es nicht völlig abwegig anzunehmen, Jesus verbiete hier grundsätzlich jede moralische Beurteilung. Diese Auslegung erscheint zumindest plausibel genug, dass Menschen, die Jesus und die Bibel ernst nehmen, mitten in einer hitzigen Diskussion ins Nachdenken geraten.
Einerseits scheinen sowohl die Quelle als auch diese Auslegung nahezulegen, dass bei jeder moralischen Frage letztlich nur eine Haltung sicher ist: „Wir sind eben unterschiedlicher Meinung.“ Andererseits bleibt in solchen Situationen oft das hartnäckige Gefühl, dass Jesus das unmöglich gemeint haben kann. Wie kommen wir aus diesem Dilemma heraus? Indem wir uns daran erinnern, wie Sprache funktioniert, wie der Zusammenhang eines Textes funktioniert und wie Liebe funktioniert.
Wie Worte funktionieren
Jeder, der einmal eine Fremdsprache gelernt hat, kennt das Auswendiglernen von Vokabeln. Am Anfang lernt man meist Wörter, die sich scheinbar eins zu eins übersetzen lassen. Im Englischen heißt es „good“, im Spanischen „bueno“.
Doch schon bald merkt man, dass Sprache nicht einfach nach dem Prinzip „Wort für Wort“ funktioniert. „Bueno“ bedeutet tatsächlich „gut“. Gleichzeitig war es aber auch die übliche Art, wie viele meiner spanischsprachigen Freunde früher zu Hause ans Telefon gingen. Ich könnte mir kaum vorstellen, den Hörer abzunehmen und auf Englisch einfach „good“ zu sagen. Für sie hingegen war „bueno“ eine ganz normale und freundliche Begrüßung.
Jedes Wort hat verschiedene Bedeutungen. Welche davon gemeint ist, erkennt man nur aus dem Zusammenhang, also daran, wie das Wort im Satz und der Satz im gesamten Abschnitt verwendet wird. Deshalb überrascht es nicht, dass auch das Wort „richten“ mehrere Bedeutungen haben kann. Eine Bedeutung des Verbs „richten“ entspricht dem, was ein Richter in einem westlichen Gerichtssaal tut: Er spricht ein Urteil: schuldig oder nicht schuldig, entscheidet einen Rechtsfall verbindlich und bringt eine öffentliche Angelegenheit zu einem Abschluss.
Eine weitere Bedeutung meint das Unterscheiden und sorgfältige Abwägen. Wir treffen Urteile über eher alltägliche Dinge, etwa welches Buch wir als Nächstes lesen oder was wir zu einer Veranstaltung anziehen sollen. Aber wir treffen auch weitreichendere Entscheidungen: ob wir jemanden heiraten, wie wir unser Kind nennen oder wie wir unserer Verantwortung gegenüber unseren Eltern gerecht werden.
Eine dritte Bedeutung liegt gewissermaßen zwischen den beiden ersten. Sie beschreibt das Beurteilen dessen, was gut, richtig oder vorzuziehen ist und dieses Urteil nicht nur für sich zu behalten, sondern es öffentlich auszusprechen, oft mit der Absicht, andere zu überzeugen. Wie bei der zweiten Bedeutung kann es dabei um belanglose Fragen gehen, etwa ob auf die gemeinsame Pizza Ananas gehören sollte, oder um äußerst ernste Themen, etwa wenn ein Staatsoberhaupt öffentlich Stellung dazu bezieht, ob ein Land in den Krieg ziehen sollte.
Hilfreich ist an dieser Stelle, dass das griechische Verb krinō im Wesentlichen dieselben Bedeutungen hat wie das deutsche Verb „richten“ oder das englische „judge“. Wenn Jesus dieses Wort in seiner Bergpredigt verwendet, kann es, entsprechend dem üblichen Sprachgebrauch, verschiedene Bedeutungen haben
Wie Kontext funktioniert
.Wenn wir den Zusammenhang eines Textes betrachten, denken wir an all die Faktoren, die notwendig sind, um seine Bedeutung richtig zu verstehen. So wie man den Slang der Generation Z kaum versteht, wenn man nicht viel im Internet unterwegs ist, braucht man auch verschiedene Zusammenhänge, um Jesu Bergpredigt richtig zu verstehen. Betrachten wir zwei davon: den literarischen und den sozialen Zusammenhang.
Der literarische Zusammenhang ist eine Erweiterung dessen, worüber wir bereits bei den Wörtern gesprochen haben. So wie ein einzelnes Wort nur innerhalb seines Satzes oder seiner Wortgruppe richtig verstanden werden kann, muss auch ein Satz innerhalb des größeren Abschnitts gesehen werden, zu dem er gehört.
Der soziale Zusammenhang umfasst die Beziehungen und die Geschichte, die jede schriftliche Mitteilung umgeben. Dazu gehören Informationen über die ursprünglichen Verfasser und Empfänger, aber auch über spätere Leser, die Zugang zu den Texten hatten. Ein gutes Beispiel ist das Lied „Your Obedient Servant“ aus dem Musical Hamilton. Das Tragische und zugleich Komische dieses Liedes besteht darin, dass es einen Briefwechsel zwischen erbitterten Rivalen darstellt, von denen der eine den anderen später töten wird. Dennoch beenden sie ihre zunehmend feindseligen Briefe mit immer übertriebener höflichen Schlussformeln wie: „I have the honor to be your obedient servant, A. Burr“ („Ich habe die Ehre, Ihr gehorsamer Diener zu sein, A. Burr“). Die Worte haben zwar für sich genommen eine bestimmte Bedeutung, doch die Beziehung zwischen Burr und Hamilton macht deutlich, dass diese Schlussformel reine Höflichkeit und keineswegs aufrichtig gemeint ist. Die beiden Männer wussten das damals, und auch das Publikum von Lin-Manuel Mirandas Musical versteht diese Ironie; sogar noch stärker, weil es bereits weiß, wie ihre Geschichte endet.
Sowohl der literarische als auch der soziale Zusammenhang sind entscheidend, um zu verstehen, was Jesus meint, wenn er sagt: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.“ Beginnen wir mit dem literarischen Zusammenhang. Schon dieser zeigt, dass Jesus mit seinem Verbot des Richtens nicht das Unterscheidungsvermögen verbieten kann, weder im persönlichen noch im öffentlichen Bereich.
Der größere Zusammenhang ist schließlich die Bergpredigt, in der Jesus immer wieder klar über Sünde, Gerechtigkeit und die Gefahr der Hölle spricht. Er nimmt moralisches Handeln äußerst ernst und fordert seine Zuhörer auf, es ebenso ernst zu nehmen. Deshalb setzt seine Lehre gerade voraus, dass Menschen moralisch unterscheiden und beurteilen können. Schaue ich Frauen voller Begierde an? Bin ich nachtragend und rachsüchtig?
Und dabei geht es nicht nur um das eigene Leben. Im selben Abschnitt, in dem Jesus sagt: „Richtet nicht“, fordert er seine Zuhörer auch auf, den Splitter aus dem Auge ihres Bruders zu entfernen. Mit anderen Worten: Er fordert sie dazu auf, sich liebevoll in das Leben anderer einzubringen. Dazu ist Urteilsvermögen notwendig, angefangen bei dem ersten Schritt, den Balken aus dem eigenen Auge zu entfernen.
Wie steht es mit dem sozialen Zusammenhang? Darüber ließe sich weit mehr sagen, als in einen kurzen Artikel passt. Doch schon eine Tatsache hilft weiter: Sowohl der Redner als auch seine Zuhörer sind Juden. Das bedeutet, dass sie vieles gemeinsam haben, unter anderem ein religiöses Weltbild, in dem Sünde, so wie ihr Bundesgott sie definiert, eine äußerst ernste Angelegenheit ist.
Außerdem spricht Jesus in der Bergpredigt immer wieder Heuchelei im Zusammenhang mit religiöser Praxis an. Der Grund dafür ist, dass man in diesem gesellschaftlichen Umfeld durch sichtbare Frömmigkeit Ansehen gewinnen konnte.
Diese Informationen sind entscheidend, um Jesu Aufforderung „Richtet nicht“ richtig zu verstehen. Einerseits spricht Jesus zu Menschen, die religiöse Pflichterfüllung so ernst nehmen, dass sie leicht in Selbstdarstellung und Heuchelei verfallen. Andererseits muss er ihnen zugleich deutlich machen, dass ihr Verständnis von Sünde viel zu oberflächlich ist. Sie achten vor allem auf das äußere Verhalten und übersehen dabei, was im Herzen eines Menschen vorgeht.
Nimmt man all das zusammen, liegt folgende Schlussfolgerung nahe: Jesus möchte ihr moralisches Urteilsvermögen schärfen, zugleich aber ihre Neigung abbauen, andere Menschen aufgrund ihres religiösen Erscheinungsbildes vorschnell freizusprechen oder zu verurteilen. Wenn Jesus sagt: „Richtet nicht“, kann er also nicht meinen: „Habt keine persönliche oder öffentliche Überzeugung darüber, was gut oder böse ist.“ Vielmehr lautet seine Aussage: „Hört auf, euch selbst für gerecht zu erklären und andere schuldig zu sprechen.“ Denn unmittelbar danach sagt er: „Denn mit welchem Urteil ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden.“
Wo stehen wir also nach dieser Betrachtung?
Wie Liebe funktioniert
Die schlechteste Art, diesen Artikel zu verwenden, wäre, ihn als schlagendes Gegenargument gegen jemanden einzusetzen, der „Richtet nicht“ im Sinne von „Du darfst mir nicht sagen, dass ich falschliege“ versteht. Dass das falsch wäre, sagt Jesus selbst: „Zieh zuerst den Balken aus deinem eigenen Auge; dann wirst du klar sehen, um den Splitter aus dem Auge deines Bruders zu entfernen.“ () Jemanden zu korrigieren erfordert meistens Sanftmut; manchmal ist auch eine klare Zurechtweisung nötig. Doch es erfordert immer eine demütige und ernsthafte Selbstprüfung. Liebe fragt sich, wie wir selbst korrigiert werden möchten, und handelt entsprechend.
Andere Leser könnten jedoch Jesu Warnung vor dem Balken im eigenen Auge hören und daraus schließen, dass sie sich überhaupt nicht mehr um den Splitter im Auge ihres Bruders kümmern sollten. Vielleicht hättest du dir gewünscht, Jesus würde sagen: „Entferne den Balken aus deinem eigenen Auge, setz dich hin, schweige und lass deinen Bruder in Ruhe.“ Aber genau das sagt er nicht. Er fordert dazu auf, den eigenen Balken zu entfernen, damit man anschließend klar genug sehen kann, um den Splitter des Bruders zu entfernen. Liebe bedeutet, hilfreiche und manchmal auch mutige Korrektur anzubieten, nicht, den anderen einfach in seinem Irrtum zu lassen.
Wenn der Satz „Richtet nicht“ benutzt wird, um moralische Gespräche zu beenden, steckt dahinter meist die Behauptung, niemand habe das Recht, die Ansichten eines anderen zu einem bestimmten Thema zu korrigieren. Vielmehr sollen wir ein echtes Interesse daran haben, dass unser Verständnis von Sünde und Gerechtigkeit mit dem von Jesus Christus übereinstimmt.
Zur Liebe gehört auch diese Aufforderung: „Ermahnt einander jeden Tag, solange es ›Heute‹ heißt, damit niemand von euch durch den Betrug der Sünde verhärtet wird.“ () Das Wesen der Sünde besteht darin, dass sie täuscht, und keiner von uns ist davor gefeit, auf diese Täuschung hereinzufallen.
Jesus Christus kam voller Gnade und Wahrheit, um uns von Sünde, Tod und Lüge zu befreien und uns zugleich zu Menschen zu machen, durch die auch andere diese Freiheit erfahren können.
Darum sollten wir nicht so richten, als läge es in unserer Macht, endgültig über Schuld oder Unschuld eines Menschen zu entscheiden. Stattdessen wollen wir gemeinsam, in Ehrfurcht vor Gott, unterscheiden und erkennen, was der Wille des Herrn ist.
Dieser Beitrag erschien zuerst bei The Gospel Coalition. Übersetzt von Ronny Käthler. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung. Mehr von The Gospel Coalition.