ZUSAMMENFASSUNG: Die Gemeindemitgliedschaft ist, trotz mancher Einwände und subbiblischer Praktiken, ein gutes Geschenk und ein wesentlicher Bestandteil des christlichen Lebens. Die Art von Mitgliedschaft, die die Schrift beschreibt und erwartet, ist eine klare und fortdauernde wechselseitige Verpflichtung zwischen einem einzelnen Christen und einer Ortsgemeinde. In dieser Verpflichtung bestätigt die Gemeinde das Glaubensbekenntnis des Mitglieds und sorgt seelsorgerlich für seine Seele, während das Mitglied sich der Autorität der Gemeinde unterstellt und am Leben der Gemeinde teilhat.
Stellt die Bibel die Ortsgemeinde-Mitgliedschaft als Teil eines gläubigen Christenlebens dar? Meine Antwort lautet: Ja. Um das zu begründen, muss ich aber zunächst klar definieren, von welcher Art von Mitgliedschaft ich spreche.
Mir geht es nicht darum, jede zeitgenössische Praxis der Gemeindemitgliedschaft zu verteidigen, manche davon gehen über das hinaus, was die Bibel lehrt, ignorieren sie oder widersprechen ihr geradezu. Ich habe auch nicht vor, durch exegetische Verrenkungen Mitgliedschaftskurse, Aufnahmegespräche oder Mitgliederlisten als explizit biblisch geboten auszuweisen. Stattdessen möchte ich in diesem Artikel zunächst eine Definition von Gemeindemitgliedschaft vorlegen, dann einen Einwand beantworten, die biblischen Grundlagen für die so definierte Mitgliedschaft aufzeigen und schließlich einige praktische Konsequenzen für unsere Haltung gegenüber einer Ortsgemeinde und unsere Teilhabe an ihr ziehen.
Was meinen wir mit „Mitgliedschaft“?
Hier ist ein Verständnis von Gemeindemitgliedschaft, das meiner Überzeugung nach auf soliden biblischen Grundlagen ruht:1
Gemeindemitgliedschaft ist eine klare und fortdauernde wechselseitige Verpflichtung zwischen einem einzelnen Christen und einer Ortsgemeinde, in der die Gemeinde das Glaubensbekenntnis des Mitglieds bestätigt und seelsorgerlich für seine Seele sorgt, während das Mitglied sich der Autorität der Gemeinde unterstellt und am Leben der Gemeinde teilhat.
Diese Definition enthält sieben wesentliche Elemente.
Erstens ist Gemeindemitgliedschaft in ihrem Kern eine Verpflichtung. Sie ist keine automatische, faktische Gegebenheit, sondern eine bewusste Entscheidung, sich einem anderen gegenüber zu binden. Solange diese Verpflichtung nicht eingegangen wurde, existiert keine Mitgliedschaft.
Zweitens besteht diese Verpflichtung zwischen einem einzelnen Christen und einer Ortsgemeinde. Ehepaare oder Familien werden nicht als Einheit Mitglieder. Mitgliedschaft ist die Entscheidung des Einzelnen. Und diese Entscheidung gilt nicht der weltweiten Kirche aller Gläubigen aller Zeiten und Orte, sondern einer konkreten Ortsgemeinde.
Drittens ist die Verpflichtung wechselseitig: bilateral, nicht einseitig. Mitglied zu werden erfordert mehr als nur, dass ein einzelner Christ sagt: „Ich möchte Mitglied sein.“ Damit Mitgliedschaft entsteht, muss sich auch die Ortsgemeinde ihrerseits zu dem Einzelnen bekennen.
Viertens verpflichtet sich die Ortsgemeinde gegenüber dem einzelnen Mitglied ausdrücklich dazu, sein oder ihr Glaubensbekenntnis zu bestätigen (solange es glaubwürdig bleibt) und seelsorgerlich für seine oder ihre Seele zu sorgen (solange die Mitgliedschaft besteht). Die Ortsgemeinde trägt damit eine erhebliche Verantwortung für ihre Mitglieder: Sie bestätigt, dass jedes Mitglied ein Christ ist, und bemüht sich darum, dass jedes als solches beharrt.
Fünftens verpflichtet sich das einzelne Mitglied gegenüber der Ortsgemeinde, sich ihrer Autorität zu unterstellen und an ihrem Leben teilzuhaben. Das heißt: Das Mitglied verpflichtet sich, in den Beziehungen und Aktivitäten der Gemeinde präsent zu sein und sich der Hirtensorge und Lehre der Gemeinde zu fügen, soweit diese dem Herrn Jesus Christus folgt.
Sechstens ist diese wechselseitige Verpflichtung in der Gemeindemitgliedschaft klar. Sie ist ausdrücklich und von beiden Seiten verstanden, nicht unausgesprochen, vorausgesetzt oder impliziert, sondern offen und eindeutig.
Siebtens ist diese wechselseitige Verpflichtung keine einmalige, anfängliche Übereinkunft, sondern eine fortdauernde. Wenn eine der Parteien aufhört, ihre Verpflichtungen zu erfüllen, endet die Mitgliedschaft.
Einwand: Meinte Paulus das wirklich so?
Gegen meine Definition lässt sich ein naheliegender Einwand erheben: Sie entspricht nicht dem, was der Apostel Paulus meinte, als er davon sprach, dass Christen „Glieder“ am Leib Christi sind. In schreibt Paulus an die Korinther: „Ihr aber seid der Leib Christi und jeder von euch ein Glied.“ Damit meint er nicht (so der Einwand), dass die korinthischen Christen irgendwann nach ihrer Bekehrung einen Aufnahmeprozess durchlaufen haben. Für Paulus ist vielmehr jeder Gläubige allein dadurch, dass er Jesus nachfolgt, faktisch ein Glied am Leib Christi. „Denn wir sind durch einen Geist alle zu einem Leib getauft, wir seien Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie, und sind alle mit einem Geist getränkt“ (). Man beachte das wiederholte Wort „alle“ in diesem Vers. In Christus zu sein bedeutet bei Paulus, Glied am Leib Christi zu sein. Man kann kein Christ sein, ohne Glied zu sein. Diese Art von Gliedschaft wird nicht von den Ältesten oder anderen Leitern der Gemeinde verwaltet, Gott selbst fügt den Leib zusammen ().
Der Einwand lässt sich noch zuspitzen: Nicht nur verwendet meine Definition den Begriff „Mitgliedschaft“ in einer unpaulinischen Weise, sondern, schlimmer noch, durch die Einführung einer strukturierten, organisatorischen, freiwillig zu wählenden Form von Mitgliedschaft als „wechselseitige Verpflichtung“ werden viele Gläubige ausgeschlossen, die Paulus einschließt, nämlich jene, die bekehrt und getauft sind, aber keine Gemeindemitgliedschaft im modernen Sinne einer „wechselseitigen Verpflichtung“ eingehen.
Ich denke, dieser Einwand verfehlt Paulus‘ Absicht in . Der weitere Kontext zeigt, dass Paulus weder für die von mir beschriebene Form der Gemeindemitgliedschaft argumentiert noch sie ausschließen will. Er hat andere, drängende Anliegen. In einer Gemeinde, die bereits stolz zur Spaltung neigt (), sind vielfältige Geistesgaben vorhanden. Paulus will die Korinther daher über ihre tiefe Einheit inmitten reicher Vielfalt belehren. Das Bild, zu dem er greift, ist das eines menschlichen Körpers mit vielen einzelnen Teilen, die jeweils zum Ganzen beitragen.
In seinem Essay „Membership“ bemerkt C.S. Lewis, dass „Mitgliedschaft“ in unserem heutigen Sprachgebrauch die Zugehörigkeit zu einer Klasse ähnlicher Objekte oder Personen bezeichnet. „Mitglieder einer Klasse“ sind Dinge, die einander gleichen. Lewis beschreibt das Problem so: „Ich fürchte, dass wir, wenn wir jemanden als ‚Mitglied der Kirche‘ bezeichnen, damit gewöhnlich nichts Paulinisches meinen: Wir meinen nur, dass er eine Einheit ist, dass er ein weiteres Exemplar derselben Art von Dingen wie X und Y und Z ist.“2 Wenn Paulus hingegen von Gliedern der Kirche sprach, meinte er, so Lewis, „was wir als Organe bezeichnen würden, Dinge, die ihrem Wesen nach voneinander verschieden und aufeinander angewiesen sind: Dinge, die sich nicht nur in Struktur und Funktion, sondern auch in ihrer Würde unterscheiden.“3 Gliedschaft, wie Paulus sie in beschreibt, meint, dass jeder Gläubige zum Leib Christi gehört und ihn bereichert, in all seiner geistlichen Einheit und einzigartigen Vielfalt. Das steht im Vordergrund, wenn Paulus das Bild vom Leib Christi mit all seinen Gliedern entfaltet.
Ich räume gerne ein, dass nicht ausdrücklich die oben beschriebene Form der Gemeindemitgliedschaft als „wechselseitige Verpflichtung“ fordert. Die Metapher eines menschlichen Körpers und seiner Teile bringt gewiss nicht die Notwendigkeit zum Ausdruck, dass Gemeindeglieder diese Beziehung aktiv wählen müssen, schließlich werden Menschen mit bereits zusammengefügten Körperteilen geboren. (Die einzelnen Teile wählen ihre Zugehörigkeit zum Körper nicht zu einem späteren Zeitpunkt.) Aber weit davon entfernt, eine Mitgliedschaft als „wechselseitige Verpflichtung“ auszuschließen, setzt diese vielmehr voraus und impliziert sie. Jedes Glied eines menschlichen Körpers kennt alle anderen Glieder. Es gibt keine Unklarheit darüber, ob der linke Arm zum Körper gehört oder nicht. Wenn unter Christen heute eine vergleichbare Klarheit bestehen soll, ist eine klare und fortdauernde Verpflichtung zwischen jedem einzelnen Christen und der Ortsgemeinde notwendig. Die Verpflichtung muss ausdrücklich sein, damit die Gemeinde weiß, wer zu ihr gehört. Außerdem bringt die Metapher des menschlichen Körpers die Gegenseitigkeit dieser Verpflichtung gut zum Ausdruck. Wenn ich mir den Zeh stoße, richten sich die Augen auf den Schmerz, die Hand untersucht die Wunde, der Mund stößt einen Schrei aus. Und natürlich trägt dieser Zeh ständig dazu bei, den gesamten Körper zu balancieren und zu stützen.
Auch wenn die Gemeindemitgliedschaft, wie Paulus sie in beschreibt, nicht identisch ist mit der von mir beschriebenen Mitgliedschaft als „wechselseitige Verpflichtung“, sind beide vollkommen vereinbar.4
Biblische Grundlagen der Gemeindemitgliedschaft
Ich habe Gemeindemitgliedschaft definiert als „eine klare und fortdauernde wechselseitige Verpflichtung zwischen einem einzelnen Christen und einer Ortsgemeinde, in der die Gemeinde das Glaubensbekenntnis des Mitglieds bestätigt und seelsorgerlich für seine Seele sorgt, während das Mitglied sich der Autorität der Gemeinde unterstellt und am Leben der Gemeinde teilhat.“ Lassen wir diese Definition an der Schrift überprüfen.
Sieht das Neue Testament eine wechselseitige Verpflichtung zwischen einem einzelnen Christen und der Ortsgemeinde vor? Soll diese Verpflichtung klar sein, also ausdrücklich, offensichtlich, eindeutig und von beiden Seiten verstanden? Soll sie fortdauern, d.h. von beiden Seiten aufrechterhalten werden? Die Antwort lautet in jedem Fall: Ja. Besonders die neutestamentlichen Texte zur Gemeindezucht zeigen, dass eine Gemeinde Klarheit darüber haben muss, wer zu ihr gehört und wer nicht. Ob diese Klarheit durch einen formellen Aufnahmeprozess (z.B. einen Mitgliedschaftspakt, Aufnahmegespräche und eine Mitgliederliste) oder durch das informelle, relationale Wissen aufmerksamer Pastoren in einer kleineren Gemeinde erreicht wird, ist weniger entscheidend. Die entscheidende Grundvoraussetzung ist, dass die Gemeinde weiß, welche Gläubigen sich zu ihr verpflichtet haben und welchen Gläubigen sie sich ihrerseits verpflichtet hat.
Fragen der Gemeindezucht
In weist Paulus die korinthische Gemeinde an, einen Mann, der sexueller Sünde schuldig ist, aus ihrer Mitte auszuschließen. Paulus‘ Aufforderung, diesen Mann „aus eurer Mitte zu entfernen“ (), setzt voraus, dass klar ist, wer dieses „ihr“ ist, wer die Gemeinde ist (und wer nicht), wer „innen“ und wer „außen“ ist (). Es zeigt auch, wie wichtig es einerseits ist, dass die Gemeinde seelsorgerlich für die Seele des Mitglieds sorgt und sein Glaubensbekenntnis bestätigt (der Ausschluss aus der Gemeinde ist die Rücknahme dieser Bestätigung), und andererseits, dass das Mitglied sich der Autorität der Gemeinde unterstellt, einschließlich ihrer Zuchtmaßnahmen. Der Gedanke, dass eine Gemeinde jemanden diszipliniert, setzt bereits voraus, dass die betreffende Person der Gemeinde die Vollmacht dazu erteilt hat. (Gemeinden disziplinieren ja nicht alle Christen in ihrer geografischen Nähe!) Diese Erteilung von Vollmacht nenne ich Gemeindemitgliedschaft, unabhängig davon, ob der Prozess alle spezifischen Mechanismen umfasst, die heute oft mit Mitgliedschaft verbunden werden.
„Es gibt ein Innen und ein Außen. Die Gemeinde weiß, was was ist und wer wo steht.“
In weist Jesus seine Nachfolger an, im Prozess der Konfrontation eines sündigenden Bruders schließlich „der Gemeinde“ davon zu sagen (). Er meint damit sicher nicht, dass heikle Angelegenheiten vor wem auch immer gebracht werden sollen, der zur Gemeindeversammlung erscheint, einschließlich erstmaliger Besucher und Ungläubiger (). Seine Worte setzen eine klar definierbare Größe namens „die Gemeinde“ voraus, eine Gruppe, die weiß, wer sich ihrer Autorität unterstellt hat und wessen Glaubensbekenntnis sie bestätigt hat. Wenn der sündigende Bruder sich weigert, auf die Gemeinde zu hören, so soll er dir „wie ein Heide und Zöllner“ gelten (). Auch hier gilt: Es gibt ein Innen und ein Außen. Die Gemeinde weiß, was was ist und wer wo steht.
Kirchliche Autorität
Die Erwartung einer klaren und fortdauernden wechselseitigen Verpflichtung zwischen einem einzelnen Christen und einer Ortsgemeinde zeigt sich auch in anderen neutestamentlichen Texten. Wenn der Verfasser des Hebräerbriefs seine Leser auffordert, „euren Lehrern zu gehorchen und euch ihnen unterzuordnen, denn sie wachen für eure Seelen und werden Rechenschaft geben“ (), dann weist er damit gewiss nicht jeden Christen an, jedem christlichen Leiter zu gehorchen. „Euren Lehrern gehorcht und ordnet euch ihnen unter.“ Zudem sagt er seinen Lesern, dass ihre Leiter „für eure Seelen wachen“, nicht für die Seelen aller Christen. Die Leiter werden am letzten Tag vor Gott Rechenschaft über ihre Hirtensorge ablegen müssen. Das setzt voraus, dass der einzelne Christ sich klar bestimmten Leitern gegenüber verpflichtet hat. Die Leiter einer Ortsgemeinde sind Gott gegenüber nicht für jeden verantwortlich, der zufällig vorbeikommt oder ein paar Sonntage lang zu Besuch ist.
Ebenso weiß der einzelne Christ, wem er sich unterstellt und das sind nicht die Ältesten anderer Gemeinden am Ort. Indem Einzelne der Gemeinde als Mitglieder beitreten, stellen sie sich freiwillig unter die Autorität und Fürsorge der Ältesten dieser Gemeinde. Deshalb spricht Petrus davon, dass es Schafe gibt, „die euch anvertraut sind“ (), und dass die Ältesten die Herde weiden sollen, „die bei euch ist“ ().
Gegenseitige Fürsorge
Das Neue Testament fordert Christen immer wieder auf, sich tief in das Leben der anderen einzubringen, zur gegenseitigen Hilfe, Ermutigung und Rechenschaftspflicht. „Daran haben wir die Liebe erkannt, dass er sein Leben für uns gelassen hat; und wir sollen auch das Leben für die Brüder lassen“ (). „Ermahnt euch gegenseitig täglich, solange es noch ‚heute‘ heißt, damit niemand von euch durch den Betrug der Sünde verhärtet werde“ (). Solche liebende Fürsorge sollte zwar unter Christen überall und jederzeit stattfinden, aber sie erreicht ihren Höhepunkt im alltäglichen Leben und in der Gemeinschaft einer Gruppe von Gläubigen, die regelmäßig gemeinsam anbeten und sich klar aneinander gebunden haben und das weiterhin tun.
So wie ein Ehegelübde die liebevolle Beziehung zwischen Mann und Frau stärkt (anstatt sie zu ersticken), vertieft eine klare Verpflichtung unter Gemeindegliedern unsere Verbundenheit und gegenseitigen Dienst. Wir erkennen, dass sogar unser persönlicher Kampf gegen die Sünde tatsächlich eine Art des Dienens an unseren Mitgliedern ist. Dietrich Bonhoeffer schreibt dazu:
Der Einzelne muß wissen, daß seine Stunden der Einsamkeit auf die Gemeinschaft zurückwirken. In seiner Einsamkeit kann er die Gemeinschaft zerreißen und beschmutzen oder er kann sie stärken und heiligen. Jede Selbstüberwindung des Christen ist auch ein Dienst an der Gemeinschaft. Andererseits gibt es keine Sünde in Gedanken, Worten oder Werken, und sei sie noch so persönlich und geheim, die nicht der ganzen Gemeinschaft Schaden zufügt. Ein krankes Element dringt in den Körper ein; vielleicht weiß niemand, woher es kommt oder in welchem Glied es sich eingenistet hat, aber der Körper ist infiziert. Das ist die rechte Metapher für die christliche Gemeinschaft. Wir sind Glieder eines Leibes, nicht nur wenn wir es wählen, sondern in unserer ganzen Existenz. Jedes Glied dient dem ganzen Leib, entweder zu seiner Gesundheit oder zu seinem Verderben. Das ist keine bloße Theorie; es ist eine geistliche Wirklichkeit.5
Gemeindemitgliedschaft im Sinne meiner Definition, eine „klare und fortdauernde wechselseitige Verpflichtung“, hat eine feste Grundlage in den Schriften des Neuen Testaments.
Eine Form, vielfältige Ausdrucksweisen
Die Form der Gemeindemitgliedschaft, für die ich argumentiert habe, ist grundlegend und breit genug, um vielfältige Ausdrucksweisen zuzulassen. Stell dir zum Beispiel eine Gemeinde von vierzehn Personen vor, die sich in einem Wohnzimmer trifft und von zwei Ältesten aufmerksam geleitet wird, die wissen, wer in der Gruppe ein Gläubiger ist (und wer nicht). Nur Gläubige treffen Entscheidungen für die Gemeinde, übernehmen Leitungsaufgaben und werden zur regelmäßigen Teilnahme am Gemeindeleben und zum Gehorsam gegenüber christlicher Lehre angehalten. Jeder Gläubige weiß, dass seine zwei Hirten sein Glaubensbekenntnis bestätigen, und jeder Hirte kennt die getauften Gläubigen, die sich zur Gemeinde verpflichtet haben und es als Freude betrachten, von ihren Ältesten geleitet zu werden. Auch ohne Mitgliedschaftskurse, Aufnahmegespräche oder eine schriftliche Mitgliederliste praktiziert diese Gemeinde biblische Gemeindemitgliedschaft.
„Sogar unser persönlicher Kampf gegen die Sünde ist tatsächlich eine Art des Dienens an unseren Mitgliedern.“
Das Gleiche gilt für eine Gemeinde mit tausend Mitgliedern, die von künftigen Mitgliedern verlangt, an einem Mitgliedschaftskurs teilzunehmen, ein Glaubensbekenntnis abzulegen und einen Mitgliedschaftspakt zu unterzeichnen, bevor über ihre Aufnahme abgestimmt wird, ihre Namen in eine Mitgliederliste eingetragen werden und die Ältesten die Seelsorge für sie übernehmen. In beiden Fällen geht es nicht entscheidend um die konkreten Mechanismen (z.B. Kurse, Gespräche, eine Aufnahmefeier am Sonntagmorgen). Die Bibel sagt darüber wenig. Was zählt, ist die Teilhabe und Unterordnung des Einzelnen sowie die Bestätigung des Glaubensbekenntnisses und die Hirtensorge der Gemeinde. In beiden Gemeinden besteht eine klare und fortdauernde wechselseitige Verpflichtung zwischen einem einzelnen Christen und der Ortsgemeinde. Das ist Gemeindemitgliedschaft.
Die Form der Gemeindemitgliedschaft, für die ich argumentiert habe, ist zugleich klar und präzise genug, um bestimmte zeitgenössische Formen der Mitgliedschaft auszuschließen. Ich kenne eine Gemeinde, die ihre Mitglieder als diejenigen definiert, die Jesus Christus als Herrn und Retter bekennen, der Glaubenserklärung der Gemeinde zustimmen und durch regelmäßige Teilnahme zeigen, dass sie die Gemeinde als ihr geistliches Zuhause betrachten. Diese Art informeller Mitgliedschaft scheitert auf mehreren Ebenen.
Erstens fordert sie vom einzelnen Christen zu wenig Verpflichtung gegenüber der Gemeinde. Die Teilhabe am Gemeindeleben wird auf bloßen „regelmäßigen Gottesdienstbesuch“ reduziert, und die Mitgliedschaft liegt im Ermessen des Einzelnen, ohne verpflichtende Rechenschaftspflicht gegenüber der Gemeinde und ihren Leitern. Bei diesem Mitgliedschaftsverständnis könnte jemand, der offen und ohne Reue sündigt, Gemeindemitglied sein, solange er Jesus Christus als Herrn bekennt, der Glaubenserklärung der Gemeinde zustimmt und regelmäßig die Sonntagsversammlung besucht. Das ist absurd.
Zweitens ist diese informelle Mitgliedschaft einseitig, sie liegt ganz in der Entscheidung des Einzelnen, ohne dass die Gemeinde eine verbindliche Aufsichts- oder Seelsorgepflicht übernimmt. Diese Art informeller Mitgliedschaft (und ähnliche Formen) erfüllt nicht das grundlegende biblische Verständnis von Mitgliedschaft als einer klaren und fortdauernden wechselseitigen Verpflichtung.
Unser Vorrecht und unsere Haushalterschaft
Die Form der Gemeindemitgliedschaft, auf die die Bibel uns hinweist, eine klare und fortdauernde wechselseitige Verpflichtung, ist ein kostbares Geschenk, das zugleich frei und fordernd ist. Sie ist nicht wie das Geschenk eines weichen Bettes und flauschiger Kissen, das einfach zum Schlafen einlädt. Sie ist eher wie das Geschenk einer Fitnessstudio-Mitgliedschaft, die Schweiß erfordert. Sie ist nicht wie das Geschenk eines prall gefüllten Bankkontos, das nur ausgegeben werden will. Sie ist eher wie das Geschenk eines großen Anwesens, das verwaltet werden muss. Downton Abbey mag man ganz umsonst erhalten aber es wird wahrscheinlich den Rest des Lebens in Anspruch nehmen, es gut zu führen. Mit der biblischen Gemeindemitgliedschaft verhält es sich genauso.
Teil des Leibes Christi auf Erden zu sein ist ein unverdientes Geschenk, ein unschätzbares Vorrecht, das niemand je verdienen könnte. Aber wer es empfangen hat, dem wird viel abverlangt. Wir werden am heiligen Leben unserer Gemeindenfamilie teilhaben, unsere Seelen Leitern anvertrauen und echte Tiefe mit anderen Mitgliedern suchen. Wir werden Verantwortung für das geistliche Wohl anderer übernehmen, die ihrerseits Verantwortung für uns übernommen haben. Wir werden die Hilfe des Geistes Gottes und die Hilfe der anderen Glieder am Leib Christi brauchen, um diese kostbare Gnade der biblischen Gemeindemitgliedschaft zu leben.
Quellen
- Bei der Formulierung dieser Definition haben mir die Arbeiten von Collin Hansen und Jonathan Leeman geholfen: Collin Hansen und Jonathan Leeman, „Is Joining a Church as a Member Actually Necessary?“, Crossway, 29. Januar 2025, https://www.crossway.org/articles/is-joining-a-church-as-a-member-actually-necessary/. ↩
- C.S. Lewis, „Membership“, in Essay Collection and Other Short Pieces, hrsg. von Lesley Walmsley (HarperCollins, 2000), 335. ↩
- Lewis, „Membership“, 334. ↩
- An diesem Punkt könnte jedoch ein weiterer Einwand erhoben werden: Ist es nicht verwirrend, die Begriffe „Glied“ und „Mitgliedschaft“ in einer Weise zu verwenden, die von Paulus‘ Gebrauch von „Glied“ in und abweicht? Dazu sei gesagt: Ich verwende den Begriff „Mitgliedschaft“, weil er in zeitgenössischen Diskussionen geläufig ist und die Form des Gemeindelebens bezeichnet, die ich beschreiben und verteidigen möchte. Alternative Begriffe (z.B. „Gemeindepartnerschaft“) bringen ihren eigenen Ballast mit und könnten die Verwirrung eher erhöhen. Mir sind aber die Inhalte wichtiger als die Begriffe. Wenn ein sinnvoller Ersatz für „Mitgliedschaft“ vorgeschlagen wird, bin ich offen, ihn zu verwenden. Entscheidender ist meines Erachtens die Frage, ob Gemeindemitgliedschaft (wie ich sie definiere) biblisch begründet ist. ↩
- Dietrich Bonhoeffer, Gemeinsames Leben (HarperOne, 1954), 88–89. ↩
Dieser Beitrag erschien zuerst bei Desiring God. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung. Mehr von Desiring God.
