Als ich in einem nominell christlichen Elternhaus aufwuchs, bekam ich meinen ersten Eindruck vom Evangelium beim Lesen von Die Reise auf der Morgenröte. Mit sieben Jahren lag ich auf dem Bauch auf meinem rosa Wollteppich und hielt den Atem an, als Aslan Eustachius aus seiner Drachengestalt befreite. Ich war nicht in der Gemeinde aufgewachsen, hatte also keine Sprache für die Evangeliumswahrheit, die C.S. Lewis in dieser Szene darstellte – aber ich wusste, dass ich etwas Wunderbares gelesen hatte.
Danach entdeckte ich meine Freude am Geschichtenerfinden. Ferne Länder auszudenken begeisterte mich, und ich liebte es, wie Worte scharfe Kanten haben oder so glatt wie Wasser fließen konnten. Vor allem versuchte ich durch das Schreiben, jene schwer fassbare Freude einzufangen, die ich damals in Narnia zum ersten Mal erlebt hatte.
Dann wurde ich erwachsen – und tauchte in die Welt der Statistik und Vitalzeichen, Laborwerte und chemischen Prozesse ein. Während des Medizinstudiums, wenn die Erschöpfung mir in die Knochen kroch, ließ ich meinen Geist manchmal in magische Welten wandern. Doch schon bald traf der nächste Patient in der Notaufnahme ein. Mit einem Ruck meines Kittels schüttelte ich die Fantasie ab und konzentrierte mich auf die reale Welt. Vielleicht hast auch du versponnene Geschichten beiseitegelegt, weil das Erwachsenenleben dringlichere Forderungen stellt.
Ich erinnerte mich an meine Tagträume erst wieder – und lernte, sie zu schätzen und verantwortungsvoll damit umzugehen –, als mein Sohn und ich gemeinsam durch Mittelerde reisten.
Die Rückkehr des Königs
Als die COVID-Pandemie 2020 ausbrach, rang mein siebenjähriger Sohn mit Fragen über Gott. Jedes Mal, wenn ich mein Krankenhausset für eine Nachtschicht anzog, fürchtete er, ich würde krank nach Hause zurückkehren. „Warum lässt Gott das zu?“, fragte er. „Ist Gott überhaupt real?“
Um ihm zu helfen, gingen mein Mann und ich mit ihm durch Studien zu Hiob und und betrachteten Gottes Treue im Leiden. Nach und nach fasste die Schrift Wurzel und führte ihn zurück ins Licht. Und dann brachte die Lektüre von J.R.R. Tolkiens Die Rückkehr des Königs diese Wahrheiten in strahlendem Glanz hervor.
Eines Abends, kurz bevor ich ins Krankenhaus fuhr, lasen mein Sohn und ich von der Belagerung von Minas Tirith. Feindliche Heere schwärmten über die Zinnen des freien Volkes. Düsternis und Verzweiflung lagen wie ein Nebel über der Festung. Alles schien trostlos, verloren, hoffnungslos.
Dann galoppierten die Reiter von Rohan über die Ebene, um ihre Verbündeten zu befreien – und die Szene wandelte sich: „denn der Morgen kam, der Morgen und ein Wind vom Meer; und die Dunkelheit wich“ (Der Herr der Ringe, 838). Tränen traten meinem Sohn in die Augen, und wir sprachen darüber, dass auch wir die Gewissheit des Morgens haben. Auch wenn 2020 düster erschien – unser Retter würde wiederkommen. Die Dämmerung würde anbrechen. Und Jesus würde alles neu machen ().
„Gute Geschichten fesseln uns, weil sie auf das letztendliche Happy End hinweisen.“
Als ich danach die Autobahn entlangfuhr, öffnete sich in meinem Geist eine längst vergessene Tür – ein Kleiderschrank. Ich verstand endlich das Staunen, das ich damals auf meinem rosa Teppich erlebt hatte. Meine Streifzüge durch Narnia hatten mir den ersten Blick auf das Evangelium geschenkt, und die Reise meines Sohnes durch Mittelerde hatte seinen Blick auf den Himmel geschärft.
Plötzlich wirkten Geschichten nicht mehr wie Spielerei.
Blicke auf das Evangelium
Geschichten bieten mehr als harmlosen Kinderspaß. Sie formen Verstand und Herz, bleiben in der Fantasie haften und stellen Tugenden dar, die wir begreifen, kosten und von allen Seiten betrachten können. Tolkien, der Vater der modernen Fantasyliteratur, war überzeugt, dass uns die besten Geschichten begeistern, weil sie mit Evangeliumswahrheit in Einklang stehen. In einem Gespräch mit Lewis bei einem abendlichen Spaziergang durch Oxford verglich Tolkien Geschichten mit Prismen: Wie ein Prisma einen weißen Lichtstrahl in seine einzelnen Wellenlängen aufspaltet, so spiegeln Geschichten Fragmente göttlicher Wahrheit wider. In seiner Biographie fasst Humphrey Carpenter Tolkiens Denken zusammen:
So wie Sprache Erfindung über Dinge und Ideen ist, so ist Mythos Erfindung über Wahrheit. Wir kommen von Gott, und unweigerlich werden die Mythen, die wir weben, obwohl sie Irrtum enthalten, auch ein gesplittertes Fragment des wahren Lichts widerspiegeln, der ewigen Wahrheit, die bei Gott ist. Ja, nur durch das Erschaffen von Mythen, nur dadurch, dass der Mensch ein „Unter-Schöpfer“ wird und Geschichten erfindet, kann er nach jenem Zustand der Vollkommenheit streben, den er vor dem Sündenfall kannte. (J.R.R. Tolkien: A Biography, 151)
Mythen, so argumentiert Tolkien in seinem Essay On Fairy-Stories, erfreuen uns, weil sie Elemente des Evangeliums widerhallen lassen. „Die eigenartige Qualität der ‚Freude‘ in gelungener Fantasie lässt sich durch einen plötzlichen Blick auf die zugrundeliegende Wirklichkeit oder Wahrheit erklären … Es mag ein ferner Schimmer oder ein Echo des evangelium in der wirklichen Welt sein“ (77–78). Darüber hinaus beschreibt er Christi Auferstehung als die letztendliche „Eukatastrophe“ – das glückliche Ende –, auf das alle großen Geschichten hinweisen:
Die Geburt Christi ist die Eukatastrophe der Geschichte des Menschen. Die Auferstehung ist die Eukatastrophe der Geschichte der Menschwerdung. Diese Geschichte beginnt und endet in Freude … Es gibt keine Geschichte, von der die Menschen lieber erfahren würden, dass sie wahr ist, und keine, die so viele skeptische Menschen allein aufgrund ihrer eigenen Stärke als wahr angenommen haben. (78)
Mit anderen Worten: Gute Geschichten fesseln uns, weil sie auf das letztendliche Happy End hinweisen. Als Autor des Lebens ist Gott der Geschichtenerzähler, der die großartigste Geschichte aller Zeiten geschrieben hat: die Geschichte einer gefallenen, zerbrochenen Welt; eines gefallenen, hoffnungslosen Volkes; und des erstaunlichen Retters, der sein Leben für sie hingab. Weil wir seine Ebenbilder sind, haben wir die Fähigkeit, Geschichten zu verweben, damit andere in jedem Happy End sein Spiegelbild entdecken können.
Erschaffen, um zu erschaffen
Das ist eine gute Nachricht für alle Erwachsenen, die beim Tagträumen ertappt werden. Auch wenn wir sie als kindische Spielerei abtun mögen, können unsere Tagträume die ersten Samenkörner von Gott ehrenden Geschichten sein. Die schönsten Geschichten entstehen nämlich oft aus dem verantwortungsvollen Umgang mit Bildern, die plötzlich in die Fantasie hereinbrechen. Nehmen wir Lewis als Beispiel:
Alle meine sieben Narnia-Bücher … begannen damit, dass ich Bilder in meinem Kopf sah. Zunächst waren es keine Geschichte, nur Bilder. The Lion begann alles mit dem Bild eines Fauns, der in einem verschneiten Wald einen Regenschirm und Pakete trägt … Anfangs hatte ich nur eine sehr vage Vorstellung davon, wie die Geschichte verlaufen würde. Doch dann kam Aslan plötzlich hineingesprungen. (Of Other Worlds, 42)
Ähnlich verhielt es sich mit Andrew Petersons The Wingfeather Saga, die mit einer Skizze einer Landkarte begann. Und Tolkiens The Hobbit entsprang einem einzigen Satz, der seine Gedanken beim Korrigieren von Klausuren unterbrach: „In a hole in the ground there lived a hobbit.“
„Unsere Tagträume können Werkzeuge in Gottes herrlichen Händen sein.“
Ich erlebte etwas Ähnliches in jener Nacht, als mein Sohn und ich von den Reitern von Rohan lasen. Um drei Uhr morgens, während die Beatmungsgeräte auf der Intensivstation ihren rhythmischen Klang von sich gaben, tauchte plötzlich das Bild eines Drachen auf, der den Kopf in einem Schmorttopf voller Chili steckte. Nach der Visite, als alle Patienten stabil waren, setzte ich mich mit einem Blatt Druckerpapier und einem Stift hin. Neun Monate später wurden aus diesen Kritzeleien das erste Buch der Dream Keeper Saga.
Unsere Tagträume sind keine Ablenkungen, die wir unterdrücken müssen – sie können Werkzeuge in Gottes herrlichen Händen sein. Weil Gott uns nach seinem Bild geschaffen hat (), pulsiert in unseren Herzen der Drang zu erschaffen. Der Sänger und Songwriter Michael Card erklärt: „Wir sind angetrieben zu erschaffen auf dieser tiefen, wortlosen Ebene der Seele, weil wir alle nach dem Bild eines Gottes geformt sind, der ein Künstler ist“ (Scribbling in the Sand, 39). Auch John Piper reflektiert über diese Berufung:
Fantasie ist vielleicht die schwerste Arbeit des menschlichen Geistes. Und vielleicht die gottähnlichste. Sie kommt der Schöpfung aus dem Nichts am nächsten … Die Fantasie muss sich anstrengen, das in der Vorstellung zu sehen, was nicht da ist. Wir müssen Wortkombinationen und Musik und visuelle Formen erschaffen, die es noch nie gegeben hat. All das tun wir, weil wir Gott ähneln und weil er unendlich würdig ist, durch immer neue sprachliche, musikalische und bildhafte Ausdrucksformen geehrt zu werden.
An alle Träumer
Wie nehmen wir diese Berufung an, für Gottes Herrlichkeit zu erschaffen? Wie gehen wir verantwortungsvoll mit den Bildern, Worten und Melodien um, die durch unsere Gedanken wirbeln, wenn Deadlines, Steuern, umgekippte Flaschen und unzählige andere Pflichten unsere Aufmerksamkeit fordern?
Lieber Träumer, wenn deine Fantasie durch neue Welten streift, lass dich nicht entmutigen. Wenn du das, was du siehst und dir vorstellst, in Worte auf einer Seite überträgst, verschwendest du keine Zeit – du nimmst teil an Gottes Werk. Wenn du den Bildern in deinem Kopf nachspürst und aus ihnen schöne Schatten hervorzieht, schöpfst du aus einer Gabe, die nur der Schöpfer geben kann.
Also: Zahle deine Steuern. Halte deine Deadlines ein. Wische den Fleck vom Boden auf. Aber greife dann zur Feder, rufe Drachen und Löwen in dein Gedächtnis, und lass dich von der Geschichte in ihrer ganzen Weite und Tiefe mitreißen. Halte inne und staune über die Schimmer des Evangeliums, die durch die Dunkelheit brechen. Wenn es mit Freude geschieht, wird das Schreiben Teil der Anbetung. Und selbst wenn die Tätigkeit trivial oder kindisch erscheint: Wenn du mit Freude an ihm schreibst, können deine Worte Herzen formen – so wie Lewis‘ und Tolkiens Geschichten meines geformt haben. Also: Lies große Geschichten, teile sie, und feiere sie. Und wenn du dich berufen fühlst – schreib sie selbst.
Dieser Beitrag erschien zuerst bei Desiring God. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung. Mehr von Desiring God.