Nach Jahrzehnten stetiger Liberalisierung scheint die Gesellschaft manche Aspekte der (un)moralischen Revolution Amerikas zu überdenken.
Zwischen 1996 und 2022 stieg der Anteil der US-amerikanischen Erwachsenen, die die Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe befürworten, um 44 Punkte, nämlich von 27 auf 71 Prozent. Doch 2024 begann diese Zahl zu sinken und ist laut Gallup seither jedes Jahr leicht zurückgegangen. Heute liegt die Zustimmung bei 65 Prozent.
Ähnlich verhält es sich mit der moralischen Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Beziehungen: Sie ist auf den niedrigsten Stand seit einem Jahrzehnt gesunken (62 Prozent). Und der Anteil der Amerikaner, die einen Geschlechtswechsel für moralisch vertretbar halten, ist in den letzten fünf Jahren um acht Punkte auf 38 Prozent gefallen. Auch die Akzeptanz anderer Verhaltensweisen, wie z.B. uneheliche Kinder (58 Prozent), Glücksspiel (57 Prozent), Sex unter Teenagern (35 Prozent), ist in den letzten Jahren zurückgegangen.
Diese Entwicklung ist ermutigend, bis man sich fragt, was sie ausgelöst hat. Wer wie ich jahrelang oder sogar jahrzehntelang gegen Unmoral argumentiert hat, würde gerne die Lorbeeren für diesen Meinungswandel beanspruchen. Die Wahrheit aber ist: Die Menschen haben ihre Meinung geändert, weil die Konsequenzen eingetroffen sind.
Die Wirklichkeit ist die größte Überzeugungskraft
Kaum jemand wurde durch Argumente vom Glücksspiel abgebracht. Stattdessen beobachteten die Menschen die Folgen, nachdem der Supreme Court 2018 die Tür für Sportwetten geöffnet hatte. Als das Casino in die Hosentasche jedes jungen Mannes einzog, als die Anrufe bei Sucht-Hotlines in die Höhe schnellten und Wettanbieter jedes Spiel zum Einsatz machten, wurden die Probleme des allgegenwärtigen, legalisierten Glücksspiels immer schwerer zu ignorieren.
Auch der Rückgang der Unterstützung für Geschlechtsumwandlungen um acht Punkte kam nicht, weil wir die Debatte gewonnen hätten. Er kam durch unwiderlegbare Belege für Schäden und durch das Zeugnis von Detransitionierten, deren Geschichten sich nicht länger abtun ließen. In jedem Fall musste die Gefahr erst offensichtlich werden, bevor die Öffentlichkeit bereit war, ihre Haltung zu überdenken.
Ross Douthat, Kolumnist der New York Times, schreibt in einem Beitrag darüber, warum eine mögliche KI-Regulierung wahrscheinlich zu spät kommen wird: „Die menschliche Natur reagiert auf eine Technologie erst dann, wenn ihre Schäden unbestreitbar sind. Wir reagieren am besten auf offenkundig gewordene Gefahren, nicht auf hypothetische Bedrohungen.“
„Die Regulierungen, die die Industrialisierung zähmten, passten zu den Missständen ihrer Zeit“, schreibt Douthat weiter. „Die Bewegungen zur Eindämmung der nuklearen Weiterverbeitung hätten ohne die Anschauungsstunden von Hiroshima und Nagasaki ganz anders ausgesehen. Der jüngste Gegenwind gegen die Smartphone-Nutzung durch Kinder hätte im Jahr 2010 nicht entstehen können.“
„Zweifellos würde die Reaktion in einer idealen Welt der bitteren Lektion vorausgehen“, fügt er hinzu. „Aber in dieser Welt, für den humanistischen KI-Skeptiker ebenso wie für den Skynet-fürchtenden Sicherheitsapostel, muss wohl erst eine Version des schlimmen Ereignisses nicht nur sichtbar, sondern unbestreitbar werden, bevor die Welt handelt.“
Douthat beschreibt Technologie, könnte aber genauso gut Moral beschreiben. Er beschreibt die lange, frustrierende Erfahrung der Kirche, die eine Kultur warnt, die nicht zuhören will.
Warum wir trotzdem warnen
Die Welt ist voll von moralischen Rutschbahnen, Situationen, in denen das Ja zu einer Sache (z. B. legalisiertes Glücksspiel) es anderen leicht macht, etwas durchzusetzen, was wir ablehnen (z. B. Wetten, die den Sport übernehmen). Wir neigen dazu zu glauben, der wirksamste Weg, solche Rutschbahnen zu vermeiden, sei der, das Argument im Voraus zu gewinnen. Wenn wir zeigen können, wohin die Akzeptanz von Unmoral führt, können wir schlimme Ereignisse abwenden. Doch dieser Ansatz funktioniert fast nie.
Das bedeutet nicht, dass wir es nicht versuchen sollten. Doch sollten wir es tun, denn Vorwarnen ist ein verbreitetes biblisches Muster (vgl. mit dem Wächter, und alle Propheten). Aber wie die Propheten sollten wir damit rechnen, dass unsere Hörer die Warnung fast immer ignorieren, bis es zu spät ist. Unsere Pflicht ist Treue und der Wächter ist treu, ob die Stadt zuhört oder nicht.
Wie die Propheten sollten wir damit rechnen, dass unsere Hörer die Warnung fast immer ignorieren, bis es zu spät ist.
Wenn wir erkennen, dass Warnungen notwendig, aber selten befolgt werden, können wir die Frage verschieben: nicht mehr „Wie bringen wir sie dazu zuzuhören?“, sondern „Was soll die Kirche in der langen Zwischenzeit zwischen Warnung und Abrechnung tun?“
Wenn die Konsequenzen der Unmoral schließlich einsetzen und die Menschen nach einem anderen Weg zu leben suchen, ist es die Aufgabe des Volkes Gottes, diesen Weg bereits gelebt zu haben. Wir müssen eine sichtbare, funktionierende Lebensweise anbieten, die andere für sich übernehmen können.
Damit folgen wir einem weiteren biblischen Muster, dem aus : Häuser bauen, Gärten anlegen, heiraten, das Wohl der Stadt suchen. Die lange treue Gegenwart inmitten einer Kultur aufrechterhalten, die sich noch nicht ändern lässt.
Die Strategie des Exils
Doch was bewirkt diese „lange treue Gegenwart“ eigentlich? Sie kann sich passiv anfühlen, sogar defätistisch. Als würden wir die Hoffnung aufgeben, die Welt zu verändern. Doch das sollte sie nicht bedeuten. Sie bedeutet letztlich nur, die Welt durch einen anderen, oft vernachlässigten Mechanismus zu verändern.
Die drei wichtigsten Wege, wie wir die Welt verändern, sind Einfluss, Unterweisung und Nachahmung.
Einfluss ist die Ausübung von Überzeugung und Druck: Meinungen formen, Argumente gewinnen, Stimmen mobilisieren, kulturellen Einfluss gewinnen. Unterweisung ist die Weitergabe von Wissen: lehren, predigen, erklären, warnen. Nachahmung ist Veränderung durch Verkörperung: so zu leben, dass andere es beobachten und schließlich nachahmen können, wenn sie nach etwas Besserem suchen.
In den letzten Jahrzehnten hat die amerikanische Kirche stark auf die ersten beiden Wege gesetzt. Sie hat Einflussinstitutionen aufgebaut oder versucht zu übernehmen, um die Kultur zu gewinnen. Und sie hat in Unterweisung investiert und unzählige Warnungen dafür geliefert, wohin die Kultur sich bewegt.
Keine dieser Bemühungen war notwendigerweise verschwendet aber wirklich effektiv war keine von beiden. Beiden lag die Annahme zugrunde, dass Menschen ihre Meinung ändern, bevor sie ihr Leben ändern. Das setzte die irrige Vorstellung voraus, dass die Gesellschaft umkehren wird, wenn wir es nur klar und laut genug sagen, bevor es zum unvermeidlichen Absturz kommt.
Nachahmung arbeitet mit der entgegengesetzten Annahme. Sie setzt nicht voraus, dass die Welt im Voraus überzeugt wird. Sie setzt nur voraus, dass unsere Nachbarn irgendwo hinschauen können, wenn die Überzeugung schließlich kommt. Es ist der Unterschied zwischen einem Vortrag über gesunde Ernährung und dem Beobachten eines Freundes, der tatsächlich gesund geworden ist. Dem Vortrag kann man jahrelang zustimmend abnicken und trotzdem nichts ändern. Aber wenn die eigene Gesundheit zu schwächeln beginnt, ruft man die Freundin an und fragt, was sie gemacht hat.
Zeigen, dann erklären
Das bedeutet nicht, dass Einfluss und Unterweisung keinen Platz haben. Aber sie wirken besser, wenn sie von Nachahmung eingerahmt werden. Das ähnelt dem „Leben → Wahrheit → Leben“-Muster der Jüngerschaft, das Mark Dever vertritt: „Dein Leben soll Menschen dazu bringen, dir zuzuhören; deine Lehre soll dann ihre Verwandlung bewirken; ihr verwandeltes Leben soll dann veranschaulichen, was du gelehrt hast, was wiederum Menschen dazu bringt, ihnen zuzuhören“.
Einfluss und Unterweisung haben ihren Platz. Aber sie wirken besser, wenn sie von Nachahmung eingerahmt werden.
Dever hat dieses Muster natürlich nicht erfunden. Er hat es von dem übernommen, der es verkörpert hat.
Jesus sagte nicht, wir würden die Welt durch Argumente zum Glauben bringen. Er sagte: „So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, dass sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen“ (). Das Muster war zeigen, dann erklären, denn ein beobachtetes Leben macht eine Botschaft glaubwürdiger und offensichtlich lebbar.
Wenn Menschen erst auf offenkundig gewordene Gefahren reagieren, dann ist die am meisten vernachlässigte Strategie der Kirche eine biblische: Das zu sein, was noch steht, wenn das Trümmerfeld unbestreitbar wird.
