Praxis

Rezension: Gemeinsames Leben

Hedrik Seel5 Min. Lesezeit

Bonhoeffer schreibt „Gemeinsames Leben“ innerhalb vier Wochen im September und Oktober 1938 in politischen und kirchlichen Krisenzeiten.[1] Wesentliche Impulse zu diesem Buch verdankte Bonhoeffer seiner dreijährigen Praxis als Leiter des Predigerseminars in Finkenwalde und durch den Besuch anglikanischer Klöster.[2] „Gemeinsames Leben“ verbindet so in hervorragender Weise Theorie und Praxis. Seine Intention ist dabei keineswegs eine bloße Darstellung des Predigerseminares, sondern die Darlegung einer Aufgabe, die der Kirche als ganzer gestellt ist.[3]

Inhalt

Bonhoeffer entfaltet in fünf Kapiteln sein Verständnis von Gemeinschaft und wie sich diese praktisch verwirklichen sollte. 

Im ersten Kapitel „Gemeinschaft“ legt er Grundzüge seines Kirchenverständnisses dar. Die konkrete Gemeinschaft unter Christen ist ein großes Privileg und nicht jedem vergönnt. Auf der anderen Seite ist sie jedoch notwendig, da ich den Bruder brauche, um zu Christus zu kommen. Die Begegnung zum Bruder ist mir allerdings nur durch Christus gewährt, es gibt keine unmittelbare Begegnung mehr mit ihm[4]. Der einzige Grund für die Bruderschaft ist die Annahme durch Christus, ich soll den Bruder nicht wegen seiner Frömmigkeit annehmen, sondern weil Christus ihn angenommen hat. Es gibt keinen anderen Grund und es darf auch nie ein anderer hinzukommen. Weiter warnt Bonhoeffer davor, seine eigenen Träume in der christlichen Gemeinschaft und im Bruder zu verwirklichen. 

Nachdem Bonhoeffer sein Grundverständnis von christlicher Gemeinde dargelegt hat, legt er nun dar, wie sich gemeinsame und individuelle Spiritualität zueinander verhalten. Dafür erörtert er im zweiten Kapitel „Der gemeinsame Tag“, wie der Tagesablauf der Gemeinschaft aussehen soll. Sie sollte mit einer gemeinsamen Andacht mit gemeinsamer fortlaufender Schriftlesung beginnen. Nicht fehlen dürfen Gesang und Gebet. Auch die gemeinsame Mahlzeit soll auf Gott hinlenken. Nach getaner Arbeit beschließt die Gemeinschaft den Tag mit einer gemeinsamen Andacht.

Im dritten Kapitel „Der einsame Tag“ bespricht Bonhoeffer die individuelle Spiritualität, die aber immer in Bezug zur gemeinschaftlichen steht und andersherum: „Wer nicht allein sein kann, der hüte sich vor der Gemeinschaft. […] Wer nicht in der Gemeinschaft steht, der hüte sich vor dem Alleinsein.“[5] Wichtig ist die Meditation, die nicht im Lesen eines fortlaufenden Textes besteht, sondern darin, dass ein bestimmtes Wort uns ganz persönlich etwas sagen möchte. Des Weiteren ist das Gebet wichtig, das eine Fürbitte für den anderen enthält, die die Not und Schuld des anderen trägt. Die Gemeinschaft soll den einzelnen mündig machen, sodass dieser fähig wird in die Welt hinauszugehen. 

Daraufhin folgt das vierte Kapitel „Der Dienst“. Bonhoeffer warnt zunächst vor Hochmut und davor, der Größte sein zu wollen. Der Christ soll gering von sich selbst denken und nicht über den Bruder herrschen, sondern sich über ihn freuen. Er muss sich selbst für den größten Sünder halten, denn die eigene Sünde ist stets größer als die des Bruders. Um dem anderen tätig zu dienen, muss man zunächst lernen, dem Bruder zuzuhören. Man sollte nicht meinen, bereits zu wissen, was der andere sagen will. Ferner soll man bereit sein, dem anderen zu helfen, und nicht annehmen, die eigenen Aufgaben seien wichtiger als der Bruder. Weiterhin soll der andere getragen und ihm zuletzt vergeben werden. Erst danach kann am Bruder der Dienst am Wort vollzogen werden.

Im letzten fünften Kapitel „Beichte und Abendmahl“ wirbt Bonhoeffer vor allem für die Beichte. Er warnt vor einer geheuchelten Gemeinschaft, in der man nicht Sünder sein darf und jeder äußerlich fromm ist. Da Sünde immer allein sein will und so die Gemeinschaft zersetzt, verliert sie ihre Macht, wenn dem Bruder die Sünde bekannt wird. Zudem wird der Hochmut durchbrochen, denn wer dem Bruder seine Sünde bekennt, muss sich demütigen, er muss sterben. Zudem bricht der Beichtende zu neuem Leben und zur Gewissheit durch, da der Bruder ihm im Namen Jesu die Sündenvergebung zuspricht. Bonhoeffer ist sich aber auch der Gefahren bewusst und warnt davor, dass die Beichte zu einem guten Werk wird. Zudem soll der Beichthörer selbst bei einem anderen beichten.  

Kritik

Dass die Ausführungen aus der Praxis kommen, könnte dem Buch als Schwäche ausgelegt werden, da sie sich nicht in jeder Gemeinschaft realisieren lassen. Diese vermeintliche Schwäche wird jedoch durch die theoretischen Erörterungen beglichen. So ist dieses Buch auf der einen Seite ein Buch, das theoretische Tiefe besitzt, allerdings nicht aus dem „Elfenbeinturm“, sondern aus dem Leben stammt.

Fazit

Das Buch legt wichtige Grundlagen für das Verständnis christlicher Gemeinschaft und damit auch Kirche, bzw. Gemeinde. Es ist im Vergleich zu anderen Werken Bonhoeffers einfach geschrieben und verbindet Theorie und Praxis auf hervorragende Weise. Für jeden Christen kann dieses Buch gewinnbringend sein, besonders aber für Leiter und Pastoren. Zum Schluss noch eine kurze Warnung: Wer sich selbst und sein eigenes Denken oder das Denken der eigenen Gemeinschaft nur bestätigt haben möchte, der sollte die Finger von Bonhoeffer generell weglassen, egal um welches Denken es geht. Es könnte dann sein, dass es unangenehm wird. 


[1] Vgl. XXX, 257ff.

[2] Vgl. A.a.O., 258.

[3] Vgl. Ebd.

[4] Zu diesem Gedanken siehe auch den Artikel: „Die Nachfolge und der Einzelne“ von John Schröder.

[5] Bonhoeffer, Dietrich: Gemeinsames Leben. Gießen, 2016, 89f. Kursiv im Original.

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Über den Autor

Hedrik Seel

Hedrik Seel

Autor

Hedrik Seel studiert evangelische Theologie in Tübingen und dient in einer evangelischen Baptistengemeinde als Prediger und Mitarbeiter in der Jugendarbeit. Er interessiert sich besonders für die Bibelwissenschaften, die alte Kirche, die Reformation und Grundfragen der christlichen Theologie. Angesichts konfessioneller Pluralität liegt ihm zudem die Frage nach der Wahrheit und der gelebten Einheit aller an Christus Glaubenden am Herzen.

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